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Ukraine-Krieg

Service-Center für Ukrainer in Ludwigsburg: „Ein Platz zum Ankommen für Flüchtlinge“

Innerhalb kürzester Zeit hat die Stadtverwaltung in einem Raum der Stadtbibliothek ein Service-Center Ukraine eingerichtet. Dort können geflüchtete Menschen ihre Anliegen loswerden, sich anmelden und werden beraten. Die Stadt hat schnell gehandelt, dennoch stellen sich Fragen.

Ukrainische Farben weisen auf das Service-Center in der Stadtbibliothek hin. Foto: Holm Wolschendorf
Ukrainische Farben weisen auf das Service-Center in der Stadtbibliothek hin. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Vier Fachbereiche arbeiten im Veranstaltungsraum der Stadtbibliothek, der seit vergangener Woche zum Service-Center Ukraine wurde, zusammen. Bei einem Pressegespräch loben alle Vertreter dieser Fachbereiche die gute Zusammenarbeit und die Organisation des Service-Centers. „Wir haben einen Raum geschaffen, wo die Menschen ankommen können“, sagt Michelle Rath, Integrationsmanagerin und Sozialarbeiterin im Fachbereich Gesellschaftliche Teilhabe, Soziales und Sport. Doch läuft wirklich alles reibungslos im Service-Center? Und müssen andere Tätigkeiten der Mitarbeiter zurückstecken? Wir haben nachgefragt.

Gibt es genug Wohnraum für die Flüchtlinge?

In neun Hotels hat die Stadt Zimmer angemietet, um Flüchtlinge aus der Ukraine unterzubringen. Zudem werden aktuell drei Standorte geprüft, wo mobile Bauten aufgestellt werden können. Das sei aber nicht so einfach, so Hubertus Borrmann, Leiter der Abteilung Gebäudewirtschaft. Denn es brauche einen Platz, wo auch die technische Infrastruktur gegeben ist. Auch werden derzeit drei gewerbliche Objekte geprüft. Genauere Informationen dazu gab es noch nicht. Dabei handle es sich aber nicht um Hallen, so Borrmann. „Wir sind bislang guter Dinge, dass wir keine Sporthallen oder Ähnliches brauchen.“ Der Stadt wurden außerdem 60 Wohnungen oder Häuser von Privatpersonen für die Unterbringung von Flüchtlingen angeboten.

In der gesamten Stadt herrscht Wohnungsnot. Woher kommen plötzlich die ganzen Wohnungen?

Es handle sich dabei vor allem um Objekte, die kurzfristig freigeworden sind, weil die Bewohner verstorben oder ins Altersheim gezogen sind, so Hubertus Borrmann. Wenn diese normal vermietet werden sollen, müssten die Angehörigen diese zuerst ausräumen. Die Stadt ist für die Unterbringung von Flüchtlingen jedoch froh darüber, wenn die Wohnungen möbliert sind. „Die Wohnungen haben zum Großteil einen Sanierungsstau“, so Borrmann. Andere Vermieter hätten gerade einen Mieterwechsel und wollten in der Not helfen.

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Wie lange können die Ukrainer in Hotels wohnen?

Vorerst hat die Stadt die Zimmer für die Monate April und Mai angemietet. „Hotels sind für uns nur eine Übergangslösung, weil man dort nicht kochen kann“, sagt Hubertus Borrmann. Die Unterbringung in Hotels ist vor allem dann geschickt, wenn Ukrainer in der Nacht oder am Wochenende ankommen, wenn das Service-Center nicht besetzt ist.

Wie viel bleibt im Bürgerbüro liegen wegen der Anmeldung von Ukrainern?

„Wir schauen, dass die anderen Arbeiten nicht komplett liegenbleiben“, sagt Jürgen Schindler, Leiter des Fachbereichs Bürgerdienste. Er gibt aber auch zu: „Es ist ein Spagat für unsere Mitarbeiter.“ Wie berichtet, kommt es etwa bei der Beantragung der Bewohnerparkausweise zu Verzögerungen. Zwei Mitarbeiter des Bürgerbüros arbeiten im Service-Center. Jeannine Fehrenbacher, die stellvertretende Leiterin des Bürgerbüros, hat dafür gesorgt, dass auch dort Bewohnerparkausweise ausgedruckt werden können. „Wenn hier nicht so viel los ist, können die Mitarbeiter also Hintergrundarbeit machen“, erklärt sie.

Welche Themen bringen die Ukrainer mit zur Beratung?

Das größte Thema seien die existenzsichernden Leistungen, so Integrationsmanagerin Michelle Rath. Die Berater im Service-Center helfen beim Ausfüllen von Anträgen. Zudem gehe es um die Beantragung eines Bankkontos, die Krankenversorgung, Sprachkurse, Kindergärten und Schulen sowie Arbeitsmöglichkeiten.

Ist auch eine psychische Betreuung der Flüchtlinge notwendig?

Nein, im Gegensatz zu anderen Flüchtlingen sei die psychische Gesundheit bei den Ukrainern aktuell noch kein Thema, so Michelle Rath. Viele würden erzählen, dass sie froh sind, im Moment so viel zu tun zu haben und nicht zum Nachdenken zu kommen.

Wird das Thema Menschenhandel in der Beratung angesprochen?

Man habe beschlossen, das Thema auf Deutsch und Russisch oder Ukrainisch offen anzusprechen, auch wenn Männer mit zur Beratung kommen, so Raphael Dahler, Leiter des Fachbereichs Gesellschaftliche Teilhabe, Soziales und Sport. Ein Großteil der Geflüchteten sind Frauen. Gerade wenn Ukrainerinnen privat bei Deutschen wohnen, wisse man nie, was dahintersteckt. „Egal, wo eine Frau untergebracht ist, wir machen immer deutlich, dass wir sie sofort ins Hotel bringen können, wenn sie möchte“, so Michelle Rath.

Gibt es ausreichend Dolmetscher, die Russisch oder Ukrainisch sprechen?

Aktuell kann die Stadt im Service-Center auf fünf Dolmetscher vom Ehrenamtlichen Dolmetscherdienst zurückgreifen. Es hätten sich bereits viele Menschen gemeldet, die auch übersetzen können, so Anja Widmann, die Koordinatorin Ehrenamt und Flüchtlingsarbeit. Allerdings wolle man geschulte Dolmetscher einsetzen, um sicherzugehen, dass genau das übersetzt wird, was gesagt wurde.

Was passiert mit Ukrainern, die noch keine Unterkunft haben?

In so einem Fall kommt der Fachbereich Sicherheit und Ordnung ins Spiel. Jan Krüger, der im Bereich Unterbringung arbeitet, ist für das Service-Center auf Abruf tätig, sobald jemand eine Unterkunft benötigt. In Hotels stehen derzeit 126 Zimmer für etwa 350 Personen zur Verfügung. 200 weitere Plätze sind in angemieteten Privatwohnungen verfügbar.

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Wie viele Ukrainer haben noch keine Unterkunft, wenn sie ins Service-Center kommen?

Von den mehr als 400 Ukrainern, die sich in Ludwigsburg bisher gemeldet haben, hat der Fachbereich Sicherheit und Ordnung bisher 35 in Hotels untergebracht.

Wie kommen sie zu Essen?

Die Ukrainer erhalten Essensgutscheine, erklärt Jan Krüger, außerdem gibt es Carepakete, die das Deutsche Rote Kreuz gepackt hat. Die Hotels würden Frühstück zur Verfügung stellen, ein Caterer sorge für ein warmes Mittagessen.

Was, wenn Flüchtlinge nachts oder am Wochenende ankommen und eine Unterkunft benötigen?

Außerhalb der Öffnungszeiten des Service-Centers ist der kommunale Ordnungsdienst (KOD) für die Unterbringung zuständig. Die Flüchtlinge kommen großteils beim Polizeirevier in der Stuttgarter Straße an, die Beamten dort rufen den KOD. „Wenn wir informiert werden, fragen wir gleich bei den Hotels an, wo die Ukrainer unterkommen können“, so Thorsten Weckenmann, Teamleiter des KOD. Die Mitarbeiter des KOD bringen die Geflüchteten dann zum Hotel und helfen ihnen beim Einchecken. „Nachts gibt es natürlich sprachliche Barrieren, da hilft ein elektronischer Übersetzer“, so Weckenmann. In den vergangenen zwei Wochen seien zehn Personen in der Nacht oder am Wochenende angekommen, eine Familie mit dem Auto, eine andere mit dem Zug.

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