Ludwigsburg, Ditzingen. Die wirtschaftliche Lage in Deutschland bereitet vielen Menschen Sorgen – das spürt auch Nicola Leibinger-Kammüller, Vorstandsvorsitzende des Ditzinger Maschinenbauers Trumpf. Im LKZ-Podcast „NewsCouch“ beschreibt sie eine „große Gereiztheit“ in der Gesellschaft. Verunsicherung, internationale Krisen und der Verlust von Arbeitsplätzen belasteten die Menschen zunehmend.
Diese Stimmung zeige sich nicht nur in politischen Debatten, sondern auch im Alltag: Die Geduld nehme ab, die Nervosität zu. Gleichzeitig werde die finanzielle Lage der öffentlichen Hand schwieriger, was sich auch im gesellschaftlichen Engagement bemerkbar mache – Unternehmen müssten häufiger einspringen, könnten aber nicht alle Anfragen erfüllen.
Investitionen auf Eis – Zweifel am Standort
Die angespannte Lage hat konkrete Folgen: Trumpf hat geplante Investitionen vorerst gestoppt. Ein neues Vorführ- und Entwicklungszentrum wird verschoben.
Als Gründe nennt Leibinger-Kammüller neben der schwachen Konjunktur vor allem strukturelle Probleme in Deutschland. „Die Bedingungen am Standort machen uns Sorgen“, sagt sie. Damit steht das Unternehmen exemplarisch für viele Industriebetriebe, die derzeit vorsichtiger agieren.
Führung in schwierigen Zeiten
Wie lässt sich ein global tätiges Unternehmen mit Tausenden Beschäftigten durch diese Phase steuern? Für Leibinger-Kammüller ist die Antwort klar: mit Zusammenhalt, Transparenz und realistischer Zuversicht. Sie setzt auf ein starkes Führungsteam und engagierte Mitarbeitende. Entscheidend sei, sich auf die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu konzentrieren und Veränderungen aktiv anzugehen.
„Wenn man sich anstrengt und zusammenhält, kann man viel bewegen“, betont sie. Optimismus sei dabei keine naive Haltung, sondern Teil der Führungsaufgabe.
Künstliche Intelligenz als Schlüsselthema
Ein zentraler Umbruch steht für die Unternehmerin mit der Künstlichen Intelligenz bevor. KI werde die Arbeitswelt grundlegend verändern – Aufgaben automatisieren, neue Anforderungen schaffen und Unternehmen zu umfassenden Anpassungen zwingen.
Trumpf setzt bereits stark auf Schulungen und Weiterbildung. Die Belegschaft zeige großes Interesse und Offenheit. Für Leibinger-Kammüller ist klar: Wer die Entwicklung nicht aktiv mitgestaltet, verliert den Anschluss. „Wenn wir es nicht tun, wird es für uns gestaltet werden“, warnt sie. Besonders der industrielle Mittelstand müsse hier schneller werden.
Kritik an Bürokratie und Reformstau
Deutlich wird die Managerin bei ihren Forderungen an die Politik. Vor allem die zunehmende Bürokratie sieht sie als zentrales Problem. Trotz jahrzehntelanger Diskussionen gebe es kaum Fortschritte. Mehr noch: Die Verwaltung wachse weiter, statt sich zu verschlanken. Das bremse Innovationen und mache Unternehmen weniger wettbewerbsfähig.
Neben Bürokratieabbau fordert sie:
- flexiblere Arbeitszeitmodelle
- stärkere Digitalisierung staatlicher Strukturen
- bessere Kooperation zwischen Forschung und Wirtschaft
- steuerliche Anreize für mehr Erwerbsarbeit
Nur so könne Deutschland im internationalen Wettbewerb bestehen.
Landtagswahl und politische Erwartungen
Mit Blick auf die Landtagswahl in Baden-Württemberg bewertet Leibinger-Kammüller das Ergebnis differenziert. Die CDU habe deutlich zugelegt, nun komme es auf zügige und kluge Koalitionsverhandlungen an, sagt Leibinger-Kammüller, die selbst CDU-Mitglied ist. Wichtiger als parteipolitische Fragen sei jedoch, dass konkrete Reformen umgesetzt werden.
„Noch haben wir es in der Hand“
Trotz aller Kritik bleibt die Unternehmerin grundsätzlich optimistisch. Deutschland verfüge über starke Industrien, qualifizierte Fachkräfte und ein stabiles System.
Doch ohne Veränderungen sieht sie den Wohlstand gefährdet: „Wenn wir so weitermachen, wird es nicht reichen.“
Ihr Appell: mehr Leistungsbereitschaft, mehr Eigenverantwortung – und der Mut, notwendige Reformen endlich umzusetzen.
Kraftquelle Literatur
Abseits der Wirtschaft findet Leibinger-Kammüller Ausgleich in der Literatur. Sie liest täglich, aktuell unter anderem Werke von Mascha Kaléko oder Klassiker wie „Radetzkymarsch“.
Literatur eröffne neue Perspektiven und ermögliche es, in andere Lebenswelten einzutauchen. Diese Leidenschaft prägt auch ihr Engagement für das Deutsche Literaturarchiv in Marbach.
Für die Trumpf-Chefin steht Deutschland an einem Wendepunkt. Die Herausforderungen sind groß – von globalen Krisen bis zum technologischen Wandel. „Ärmel hoch und anpacken“ – das ist die klare Botschaft von Nicola Leibinger-Kammüller.



