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NewsCouch mit dem Chefredakteur des Staatsanzeigers
Rafael Binkowski: „Der Wahlausgang ist völlig offen“

Ulrike Trampus und Stephan Wolf aus der LKZ-Chefredaktion im Gespräch mit Rafael Binkowski.
Ulrike Trampus und Stephan Wolf aus der LKZ-Chefredaktion im Gespräch mit Rafael Binkowski. Foto: Kevin Bitz
Wer macht das Rennen bei der Landtagswahl? Auf der NewsCouch bewertet Rafael Binkowski, Chefredakteur des Staatsanzeigers, die Aussichten der Parteien.

Ludwigsburg. Wenige Tage vor der Landtagswahl herrscht in Stuttgart Hochspannung. Nach Monaten mit teils komfortablem Vorsprung der CDU haben die jüngsten Umfragen das Rennen völlig geöffnet: Die Grünen liegen bei 27 Prozent, die CDU bei 28 Prozent nach einer Umfrage von Infratest dimap. Ein Prozent Unterschied – das liegt innerhalb der Fehlertoleranz.

„Das hat eingeschlagen wie eine Bombe“, beschreibt Staatsanzeiger-Chefredakteur Rafael Binkowski die Stimmung . In den letzten Tagen sei eine „fiebrige Aufgeregtheit“ zu spüren . Plötzlich ist offen, wer stärkste Kraft wird – und damit den Anspruch auf das Amt des Ministerpräsidenten erhebt.

Video-Wirbel um Hagel – begrenzte Wirkung

Zusätzliche Dynamik brachte ein acht Jahre altes Video von CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel . In sozialen Netzwerken sorgte es für erhebliche Aufregung. Binkowski hält den tatsächlichen Einfluss auf das Wahlverhalten jedoch für überschaubar.

Der größte Effekt sei gewesen, dass Hagel bekannter wurde – allerdings nicht nur positiv . Gleichzeitig habe es Solidarisierung gegeben. Wer den CDU-Politiker kenne, wisse, dass das gezeichnete Macho-Bild nicht zu ihm passe . Entscheidend für den Stimmungsumschwung sei vielmehr ein anderer Faktor: Cem Özdemir.

Der Özdemir-Effekt

Der Grünen-Spitzenkandidat zieht laut Binkowski außergewöhnlich viel Aufmerksamkeit auf sich. Bei Wahlkampfauftritten stünden Dutzende Menschen draußen in der Kälte und verfolgten Livestreams . Özdemir habe die Fähigkeit, einen Saal „völlig für sich einzunehmen“ .

Seine Biografie als Aufsteiger mit Migrationsgeschichte verleihe ihm Glaubwürdigkeit . Selbst frühere politische Rückschläge schadeten ihm kaum – viele nähmen ihm Authentizität ab .

Strategisch setzen die Grünen alles auf die Person. Die Kampagne verzichtet weitgehend auf klassische Parteisymbole . Özdemir habe klare Bedingungen gestellt: keine linke Liste, kein linkes Programm und „Beinfreiheit“ im Wahlkampf . Die Partei sei diesen Weg mitgegangen – in dem Bewusstsein, dass er ihre größte Chance sei.

CDU: Geschlossenheit als Stärke

Doch auch Manuel Hagel ist nicht abzuschreiben. Trotz schwieriger Ausgangslage hält er die CDU stabil bei 28 bis 29 Prozent. Anders als in früheren Jahren präsentiert sich die Partei geschlossen. Interne Grabenkämpfe gehören der Vergangenheit an.

Bei Wahlveranstaltungen sei die Stimmung gut, berichtet Binkowski. Am Ende werde entscheidend sein, wer seine Anhänger besser mobilisiert.

Inhalte bleiben oft Nebensache

Auffällig ist, dass zentrale Landesthemen nur am Rande verhandelt werden. Zwar stehen Wirtschaftskrise und Arbeitsplatzabbau auf den Agenden , doch eine tiefgehende Debatte fehlt. Gerade in einer Industrieregion mit massiven Umbrüchen wäre das zu erwarten gewesen.

Auch Bildungspolitik – Kernkompetenz des Landes – spielt überraschend geringe Rolle. Stattdessen bestimmten Nebenkriegsschauplätze wie Social-Media-Verbote oder sogar Biber- und Wolfsabschüsse den Diskurs. Migration hingegen sei im Vergleich zu früheren Wahlen kaum dominierend gewesen.

AfD isoliert – Koalitionsoptionen klar

Die AfD liegt laut Umfragen bei etwa 18 Prozent . CDU und Grüne schließen eine Zusammenarbeit kategorisch aus . Hagels Abgrenzung gilt als eindeutig und glaubwürdig . Interne Affären haben der Partei zusätzlich geschadet .

Realistisch bleibt damit vor allem eine Fortsetzung von Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz . Eine Deutschland-Koalition aus CDU, SPD und FDP wäre Wunschoption der CDU, erscheint nach aktueller Lage aber unwahrscheinlich .

Ein Wahlabend mit offenem Ausgang

Binkowski wagt dennoch eine vorsichtige Prognose: Stand jetzt sehe er Manuel Hagel knapp vorne . Sicher ist nur: Der Wahlausgang ist so offen wie selten.

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