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Aktionswoche

Zur Aktionswoche Armut: Ludwigsburger Sozialverbände machen auf Probleme der Ärmsten aufmerksam

Ludwigsburger Beratungsstellen der Existenzsicherung erzählen von ihren Fällen und welche Probleme Menschen in prekären Situationen während der Pandemie haben

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Ludwigsburg. Die Coronapandemie hat alle getroffen – keine Frage. Doch für Menschen, die sowieso schon am Existenzminimum leben, seien die Auswirkungen besonders schlimm, sagen Vertreter des Arbeitskreises Existenzsicherung. Dieser Arbeitskreis ist ein Unterausschuss der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Ludwigsburg, darin sitzen Sozialarbeiter, die in ihrer Arbeit täglich mit Menschen in prekärer Lage zu tun haben. In dieser Woche, die die Liga Baden-Württemberg zur Aktionswoche Armut ausgerufen hat, wollen sie besonders auf die Probleme ihrer Klienten aufmerksam machen.

Geschlossene Ämter bereiten den Klienten große Probleme. „Von uns hier muss keiner aufs Amt, um seine Existenz zu sichern“, so Georg Steckenstein von der Sozialberatung Ludwigsburg. Wer aber auf Sozialleistungen angewiesen sei, müsse die Anträge stellen. Dazu kommt, dass die betroffenen Personen oftmals psychisch belastet, nicht so gut schreiben oder telefonieren können, fügt Petra Tolksdorf von der Caritas hinzu. Sie bräuchten einen Ansprechpartner beim Amt, zu dem sie hingehen können.

Menschen in prekären Situation fallen zum Teil leichter auf Falschinformationen herein, sagen die Sozialarbeiter. Zum Beispiel hätten viele Klienten gehört, dass wegen der Pandemie keine Miete mehr zu bezahlen sei – und das dann auch nicht mehr getan, so Christian Ecker von der Karlshöhe. Das führte zum Teil zur Kündigung der Mietwohnung. Mit solchen Fällen hat auch Tamara Palmer von der Fachstelle Wohnungssicherung Erfahrungen gemacht. Es seien viele Menschen, die das geglaubt hatten, zu ihr gekommen. „Die Menschen gingen davon aus, sie dürften die Miete aussetzen und haben damit dann andere Löcher gestopft“, so Tamara Palmer. Noch nie habe er in der Beratung so viel über Politik diskutiert wie während der Pandemie, berichtet Rainer Bauer von der Sozialberatung der Diakonie. „Unsere Klienten haben wenig Vertrauen in die Politik.“

Plötzlich Geld abzuzwacken, um Masken und Desinfektionsmittel zu besorgen, fiel Menschen am Existenzminimum schwer. Es habe dafür zwar Geld vom Staat gegeben, doch seien die Sonderzahlungen zu spät gekommen, sagt Christian Ecker. „Das Geld war nicht da, als man es wirklich gebraucht hat.“

Mit dem Lockdown wurde es schwierig, günstig einzukaufen. So gab es keine Basare und Kleidermärkte, Gebrauchtwarenladen waren geschlossen, erzählt Petra Tolksdorf. Die Menschen, die auf Ware aus zweiter Hand oder die Tafel angewiesen sind, hätten plötzlich nicht mehr gewusst, wo sie einkaufen sollen.

Orte der sozialen Teilhabe sind plötzlich weggefallen. Begegnungsstätten, Treffen, die Vesperkirche – alles gestrichen, so Petra Tolksdorf. Er sei für seine Klienten zum Teil auch einkaufen gegangen, weil sie zur vulnerablen Gruppe gehören, berichtet Christian Ecker. Die Gespräche zwischen Tür und Angel beim Abgeben der Einkäufe seien für die Klienten oftmals der einzige soziale Kontakt in dieser Woche gewesen.

Unter den Menschen in prekären Situationen sei die Impfbereitschaft gering gewesen, sagt Petra Tolksdorf. Das hänge vor allem damit zusammen, dass das Impfangebot gegen das Coronavirus gar nicht so im Vordergrund für diese Menschen stand. „Sie fragen sich, wie sie über die Runden kommen sollen und nicht, ob sie sich impfen lassen sollen oder nicht“, fasst Tamara Palmer zusammen. In den Beratungen haben die Sozialarbeiter dann auf das Angebot aufmerksam gemacht. „Da braucht es die persönliche Ansprache“, so Christian Ecker. Vor allem unkomplizierte Angebote in den Quartieren und ohne Termin seien eine gute Möglichkeit gewesen.

Die Sozialarbeiter sehen vor allem bei Kinder und Jugendlichen große Lücken. „Da sind Defizite da, die sind nicht mehr aufzuholen“, sagt Rainer Bauer. Petra Tolksdorf wirft auch einen Blick auf die Jugendlichen im Übergang zwischen Schule und Beruf. „In der Beratung bei mir sitzen Mütter, die erzählen, sie haben jemanden zuhause sitzen, der einfach nichts mehr macht“, berichtet sie. Familien ohne soziales Netz seien da besonders betroffen. Zum Teil fehlten auch Einblicke durch Praktika, so Christian Ecker. Praktika wurden zum Teil während des Lockdowns abgesagt. „Wenn es da jetzt keine Eltern gibt, die ihren Kindern ein freiwilliges Praktikum in den Ferien empfehlen, fehlt das einfach“, sagt er. Er ist der Meinung, dass die Politik sich jetzt darum kümmern müsste, damit diese Jugendlichen nicht ein Leben lang auf Sozialhilfe angewiesen sind. Außerdem wünschen sich die Sozialarbeiter für Kinder Angebote zur Stärkung der Gruppenzugehörigkeit und mehr Aufklärung auf kindgerechte Art. „Die Kinder verstehen doch plötzlich die Welt nicht mehr“, sagt Tamara Palmer.

Für die Mitarbeiter in den Beratungsstellen ist eines klar: Ihre Klienten brauchen sie weiterhin. „Hätte es uns nicht gegeben, wären manche Fälle richtig in die Hose gegangen“, sagt Tamara Palmer. Während des Lockdowns seien die Beratungszahlen nach unten gegangen. Doch jetzt komme eine Welle, so Rainer Bauer. Viele Menschen in prekären Situationen hätten über die Lockdowns viele Dinge schleifen gelassen und kämen jetzt nach und nach in die Beratungen. Gleichzeitig seien im Laufe der Pandemie viele Ehrenamtliche weggebrochen. Dabei seien es gerade die Ehrenamtlichen, die den Einzelnen unterstützten. Deshalb seien Menschen, die sich freiwillig engagieren, immer gefragt.

Info: Die Aktionswoche Armut startet am Montag und endet am Freitag. Das Motto dieses Jahr lautet: Soziale Ausgrenzung durch Corona vermeiden. Ludwigsburger Sozialberater berichten in einer kleinen Serie der LKZ in den nächsten Tagen über Menschen in prekären Lagen und wie sie helfen.

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