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Wirtschaftskolumne
DGB-Landesvorsitzender Kai Burmeister findet: Beschäftigte haben ein Recht auf Feierabend

Kai Burmeister.
Kai Burmeister. Foto: Anna Sieger
Personalabbau und längere Arbeitszeiten fordern? Das passt nicht zusammen, findet Kai Burmeister – und bricht eine Lanze für das Arbeitszeitgesetz.

Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DBG) Baden-Württemberg.

Ein riesengroßer Freizeitpark. Dieses Bild zeichnen Arbeitgeber und Politiker gerade. So tönt Ministerpräsident Kretschmann: Es ist Krise. Da müssen wir alle anpacken. Die neue Bundesregierung will den Acht-Stunden-Tag gleich ganz abschaffen.

Kurzer Realitätscheck: In vielen Industriebetrieben im Kreis Ludwigsburg und in anderen Regionen sind unsere Kolleg*innen im Feuerwehreinsatz, um Beschäftigung zu sichern und Stellenabbau abzufedern. Denn Manager setzen aktuell auf Standortschließungen und Personalabbau. Schon das zeigt, wie sehr der Ruf nach länger Arbeiten an der Realität vorbeigeht. Doch selbst wenn die Konjunktur heiß liefe: Das Arbeitszeitgesetz ist kein starres Korsett. Mobiles Arbeiten, Zehn-Stunden-Schichten in der Pflege oder der Gastro, Ernteeinsätze, Projektarbeit – das alles ist selbstverständlich möglich.

An alle, die den Zwölf-Stunden-Tag propagieren: Haben Sie mit der Kellnerin gesprochen, die jedes Wochenende die Gäste bis weit nach Mitternacht bedient? Haben Sie die Paketzusteller im Blick, die bis spät abends noch Sendungen ausliefern? Haben Sie an die Krankenschwester gedacht, die nach Schichtende für erkrankte Kollegen einspringt?

Es ist an der Zeit, die Diskussion von Kopf auf die Füße zu stellen. 2024 haben die Beschäftigten in Deutschland 550 Millionen bezahlte und 640 Millionen unbezahlte Überstunden geleistet. In Baden-Württemberg sind 6,4 Millionen Männer und Frauen erwerbstätig – so viele wie nie zuvor.

Sicher, viele Beschäftigte arbeiten in Teilzeit. Gerade in der Pflege und in sozialen Berufen reduzieren Menschen ihre Arbeitszeit, weil Vollzeit nicht zu stemmen ist. Oft fehlt es an Kinderbetreuung, um Arbeitszeiten ausweiten zu können.

Lange Arbeitszeiten führen zu mehr krankheitsbedingten Ausfällen. Die Gesundheitsrisiken steigen – von psychosomatischen Beschwerden bis zu Herz- und Kreislauferkrankungen. Und es wird gefährlich. Nach der achten Arbeitsstunde steigt die Unfallhäufigkeit rasant an. Zerstückelte Arbeitstage führen zu Stress und Unzufriedenheit. Viele Mütter können ein Lied davon singen.

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Wenn die Bundesregierung Überstundenzuschläge für Vollzeitkräfte steuerfrei stellen will, droht ein weiterer Rückschritt in Sachen Gleichberechtigung. Väter machen dann noch mehr Überstunden.

Das Arbeitszeitgesetz schützt besonders die Beschäftigten ohne Betriebsrat und ohne Tarifvertrag. Es schützt die, die zwei Jobs haben, um über die Runden zu kommen. Im Land sind das zwölf Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten!

Entgegen dem öffentlichen Bild ist die betriebliche Realität geprägt von Flexibilität. Tarifverträge ermöglichen Arbeitszeitkonten, die mit der Auftragslage der Unternehmen atmen und die Interessen der Beschäftigten berücksichtigen.

Zeit zum Leben, Lieben, Lachen – unter dem Motto haben Gewerkschaften kürzere Arbeitszeiten erkämpft. Gewerkschaften sorgen heute mit Tarifrunden für Wahlfreiheit und Arbeitszeiten, die zum Leben passen. Der Tarifabschluss im KfZ-Handwerk eröffnet die Möglichkeit, zwischen zusätzlichem Urlaub oder mehr Geld zu wählen. Für den öffentlichen Dienst haben ver.di & Co für alle Beschäftigten einen Urlaubstag on top durchgesetzt.

Unser gewerkschaftliches Versprechen lautet „Mach Dich stark mit uns“: Wir helfen dir, deinen Arbeitszeitwunsch gemeinsam umzusetzen – mit Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen. Arbeiten bis 70 und womöglich noch zwölf Stunden täglich sind ein Irrweg. In Talkshows mögen einige solchen Unsinn verbreiten. Wir alle brauchen Pausen und Feierabend. Den haben wir uns redlich verdient. Es geht um Respekt vor der Arbeit der Beschäftigten.