Stuttgart. In der baden-württembergischen Industrie gehen Monat für Monat Tausende Jobs verloren – und es könnte noch viel schlimmer kommen: Die Metallarbeitgeber in den Regionen Ludwigsburg und Rems-Murr jedenfalls warnen zu Beginn der diesjährigen Tarifrunde eindringlich vor einer weiteren Verschärfung des Jobabbaus im Land. „Wir befinden uns in einer historisch einmaligen Krisensituation“, sagte nun Hanno Höhn, stellvertretender Bezirksgruppenvorsitzender der Bezirksgruppe Ludwigsburg-Rems-Murr des Arbeitgeberverbands Südwestmetall.
Lohnforderung der IG Metall macht Sorge
Für die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie (M+E) stehe deshalb mehr denn je das Thema „Kosten senken“ im Mittelpunkt, da nur dadurch der Erhalt der industriellen Strukturen erreicht werden könne. „Wir müssen es schaffen, dass unsere Unternehmen wieder wettbewerbsfähig produzieren können und somit möglichst viele Arbeitsplätze im Land erhalten bleiben. Sonst droht ein regelrechter Kahlschlag“, stellte der Südwestmetall-Vertreter unmissverständlich klar. Die Lohnpolitik könne und müsse einen ganz wesentlichen Beitrag zur Gesundung des Standorts Deutschland leisten. „Ich bin fest davon überzeugt: Durch kluge tarifpolitische Weichenstellungen haben wir selbst einen entscheidenden Hebel in der Hand, ob wir auch zukünftig eine starke innovative Industriebasis in unserem Land haben werden. Die Chance müssen wir nutzen“, so Höhn.
„Mit großer Sorge erfüllt uns vor diesem Hintergrund allerdings die aktuelle Lohnforderung der IG Metall. 5 Prozent mehr Entgelt sind in der jetzigen Lage realitätsfremd und völlig überzogen“, sagte Höhn. „Wenn bundesweit 25 Prozent aller M+E-Firmen für das Jahr 2025 rote Zahlen melden und weitere 21 Prozent eine magere Nettoumsatzrendite von lediglich bis zu 2 Prozent, dann liegt doch auf der Hand, dass ein zu hoher Abschluss sehenden Auges in die Katastrophe führt“, so Höhn weiter.
Südwesten besonders von Krise betroffen
„Wenn die Entgelte steigen, obwohl das Geld hierfür gar nicht erwirtschaftet wird, müssen Kostenentlastungen über andere Instrumente erreicht werden“, verdeutlicht der Südwestmetall-Vertreter. „Sinkende Gewinne und sinkende Investitionen in Deutschland, aber sichere Arbeitsplätze und deutlich steigende Löhne: Man muss kein Volkswirt sein, um zu erkennen, dass diese Gleichung gar nicht aufgehen kann.“
Baden-Württemberg ist von der aktuellen Krise in der Metall- und Elektroindustrie und von strukturellen Standortdefiziten besonders stark betroffen, wie jüngst eine Umfrage der Metallarbeitgeberverbände ergeben hat. Demnach schätzen die M+E-Firmen im Land nicht nur ihre aktuelle Lage schlechter ein als der Bundesdurchschnitt. Sie haben auch pessimistischere Erwartungen an das Gesamtjahr 2026 und rechnen in größerer Zahl mit einem weiteren Beschäftigungsabbau. „Wir haben ein veritables Kostenproblem hier am Standort“, betonte Höhn. „Unsere Unternehmen finden kaum noch ein funktionierendes Geschäftsmodell für die heimische Produktion, die Firmen investieren immer weniger im eigenen Land.“
Schon 90.000 Arbeitsplätze verlorengegangen
Im Juni waren noch einmal 5.400 Jobs in der M+E-Industrie in Baden-Württemberg verlorengegangen. Seit dem Höchststand von 2019 summiert sich der Verlust damit bereits auf rund 90.000 Arbeitsplätze. Im Südwesten rechnen 50 Prozent der Firmen mit einer sinkenden Beschäftigung – gegenüber 41 Prozent im Bundesdurchschnitt. Bei der Beurteilung der aktuellen Lage antworteten 48 Prozent der Südwestfirmen mit „schlecht“, gegenüber 42 Prozent bundesweit. Auch nahezu zwei Drittel der Mitarbeiter im Südwesten bewerten die wirtschaftliche Situation in den Betrieben als „nicht gut“.
Höhn sagt, sowohl die Personalpläne der Unternehmen als auch immer mehr Rückmeldungen der Verbandsmitglieder deuteten darauf hin, dass sich der Beschäftigungsschwund sogar noch beschleunigen könnte.
Arbeitskosten am häufigsten genannte Belastung
Nach belastenden Standortfaktoren gefragt, nennen die baden-württembergischen M+E-Unternehmen am häufigsten die Arbeitskosten (89 Prozent), gefolgt von Bürokratie und Regulierung (86 Prozent) und der Wirtschaftspolitik und Planungssicherheit (74 Prozent). Aber auch die Energiepreise und der Stand der Digitalisierung wird von mehr als der Hälfte negativ bewertet.
In der anstehenden Tarifrunde gelte es, die schwierige Situation im Blick zu haben und gemeinsam tragfähige Lösungen für die Zukunft des Standorts und der Arbeitsplätze zu entwickeln. Die erste Verhandlungsrunde mit der IG Metall ist für den 7. Oktober anberaumt.
