Stuttgart/Hamburg. Sindbis-Fieber klingt exotisch, ist es aber nicht. Neu ist nur, dass jetzt erstmals eine in Deutschland erworbene Erkrankung bei einem Menschen diagnostiziert wurde. Was man zu dem Fall wissen muss:
Was ist darüber bekannt?
Das Robert Koch-Institut (RKI) hat mitgeteilt, dass bei einem 60-Jährigen aus Baden-Württemberg im September im Labor eine Infektion mit dem Sindbis-Virus (SINV) bestätigt wurde. Der Mann sei am 12. Juli erkrankt. Weil er in einem Stadtbezirk mit Populationen der Asiatischen Tigermücke lebt, hätten Ärzte ihn auf eine Chikungunya-Infektion testen lassen. Danach sei die Abklärung unter anderem auf SINV erweitert worden - im Zuge dessen sei der Nachweis erfolgt.
Was ist SINV genau?
SINV ist ein Krankheitserreger, der vor allem bei Vögeln kursiert und durch Stechmücken übertragen wird. Von Mensch zu Mensch wird es nicht übertragen, wie Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg erklärt, der am Text für das RKI mitgewirkt hat.
Welche Folgen hat eine Infektion?
Die meisten Infektionen verlaufen laut Schmidt-Chanasit ohne oder mit nur leichten Beschwerden und bleiben deshalb unbemerkt. Wer erkranke, bekomme typischerweise Fieber, einen juckenden Hautausschlag und Gelenkschmerzen. «Das ist unangenehm, und die Gelenkbeschwerden können bei einem Teil der Patienten über Monate anhalten», ordnet der Fachmann ein. «Lebensbedrohlich ist die Erkrankung nach allem, was wir wissen, aber nicht.»
Gilt das auch für Risikogruppen?
Ja. «Das Risiko, sich überhaupt anzustecken, ist für alle gering, weil Infektionen bei uns selten sind», erklärt Schmidt-Chanasit. Es seien keine Risikogruppen für schwere Verläufe bekannt.
In Finnland, wo den Angaben nach allein zwischen 1981 und 1996 mehr als 2.000 Erkrankungen bestätigt wurden, erkrankten am häufigsten Erwachsene mittleren Alters, vor allem Frauen zwischen 45 und 65. Infizierte Kinder hätten meist keine Beschwerden. Für Schwangere und Neugeborene gebe es nur wenige Daten, aber ohne Hinweise auf eine besondere Gefährdung.
Was kann man bei einer Erkrankung tun?
Eine spezielle Therapie gibt es nicht. Es werden also nur die Symptome behandelt. Beschwerden werden mit schmerzstillenden und entzündungshemmenden Medikamenten gelindert.
Sollte man sich jetzt besonders schützen?
Nein. Besondere Maßnahmen sind laut Schmidt-Chanasit nicht nötig. «Sinnvoll ist, was ohnehin gegen Mückenstiche empfohlen wird und auch vor dem West-Nil-Virus schützt: Mückenschutzmittel auf der Haut, lange Kleidung vor allem abends und nachts, Fliegengitter an den Fenstern, Regentonnen abdecken und Wasser in Blumenuntersetzern regelmäßig ausleeren, damit Mücken dort nicht brüten können.» Zudem neige sich die Mückensaison jetzt im Herbst ohnehin dem Ende zu.
Wo kommt SINV vor?
«Das Virus ist in weiten Teilen Eurasiens und Afrikas verbreitet, Erkrankungen in größerer Zahl kannte man bislang aber praktisch nur aus Nordeuropa, vor allem aus Finnland und Schweden, und aus Südafrika», erklärt Schmidt-Chanasit. «Ob das an den Virusstämmen oder schlicht an fehlender Diagnostik liegt, ist noch offen. Der aktuelle Fall ist ein guter Anlass, genauer hinzuschauen.»
Gab es SINV in Deutschland schon?
Ja. Das Bernhard-Nocht-Institut hatte das Virus 2009 das erste Mal in Stechmücken aus Weinheim nachgewiesen. Seitdem wurde es immer wieder in Mücken und Wildvögeln gefunden, wie Schmidt-Chanasit erläutert. «Auch früher haben sich schon Menschen in Deutschland mit dem Sindbis-Virus angesteckt, aber ohne es überhaupt zu merken.»

In einer 2011 veröffentlichten Studie des Instituts hatten von knapp 3.400 Blutspendern demnach vier Antikörper, was auf eine frühere Infektion hindeutet. Von 355 Patienten mit Verdacht auf eine SINV-Infektion sei keiner positiv gewesen. «Infektionen sind also selten, Erkrankungen noch seltener und wenn es sie gibt, werden sie leicht übersehen.»
Sollte man bei Symptomen gezielter nach dem Virus suchen?
Ja, meint Schmidt-Chanasit. Ärzte sollten bei Fieber, Hautausschlag und ausgeprägten Gelenkschmerzen während der Mückensaison auch dann an das SINV denken, wenn die Betroffenen nicht verreist waren. Der aktuelle Fall sei ein gutes Beispiel dafür. «Man findet eben nur, wonach man sucht.» Breit angelegte Tests etwa bei Menschen ohne Beschwerden seien nicht sinnvoll.
Auch in dem RKI-Bericht, an dem Expertinnen des Landesgesundheitsamts Baden-Württemberg mitgeschrieben haben, wird empfohlen, bei einem negativen Befund etwa für Dengue- und Chikungunya-Fieber an eine SINV-Infektion zu denken. «Eine erhöhte Sensibilisierung der Ärzteschaft kann dazu beitragen, bislang unerkannt gebliebene Infektionen zu identifizieren.» Zudem bestätige der aktuelle Fall, dass bei bekanntem Vorkommen in Stechmücken und Wildvögeln auch mit Fällen bei Menschen zu rechnen sei.
Warum sollte man jetzt genauer hinschauen?
In erster Linie aus wissenschaftlichem Interesse. «Wir wollen verstehen, warum das Virus bei uns seit Jahren zirkuliert, Erkrankungen aber kaum auftreten», erklärt Schmidt-Chanasit. «Welche Virusstämme sind hier unterwegs, welche Mücken und Vögel sind an der Übertragung beteiligt, und wie häufig infizieren sich Menschen tatsächlich?»
Praktische Konsequenzen für die Bevölkerung ergeben sich dem Virologen zufolge daraus derzeit nicht. Würden sich in einer Region Erkrankungen häufen, könnten Gesundheitsämter Ärzteschaft und Bevölkerung gezielt informieren. «Danach sieht es im Moment aber nicht aus.»
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