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Mit allen Wassern gewaschen

Große Stimmen und ein starkes Quartett beim Konzert der Haake-Stiftung

Ludwigsburg. Allzu selten haben Freunde des Kunstliedes inzwischen Gelegenheit, die Gattung live im Konzert zu erleben. „Neue Wege“ als Motto der Reihe ließe sich so auch fast schon auf den Liedteil des ersten Abends münzen, in dem die Haake-Stiftung einmal mehr junge Künstler vorstellte. Vorneweg die Sopranistin Paula Jeckstadt, die mit ihrem warm tönenden, geschmeidig und bruchlos durch die Register geführten Organ prädestiniert zu sein scheint für den Romantik-Part. Wie aus der Ferne heranschleichend bot sie mit homogen strömendem Melos die tieftraurige Waldeinsamkeit in Schumanns „In der Fremde“ und deutete dabei schon jene nuancenreiche Farbigkeit an, die sie dann etwa bei Brahms in „Von ewiger Liebe“ zur vollen Blüte brachte.

Berührend auch die zarten Lyrismen im „Abendrot“ aus den „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauss oder in Schuberts „Gretchen am Spinnrade“. Was der jungen Sängerin noch abgeht an Volumen und Expansionskraft, auch an dramatischer Emphase, das glich sie durch eine Innigkeit aus, die wie aus dem Innern der Musik geschöpft wirkte.

Ganz ähnlich der Bariton Johannes Fritsche, der mit dem reichen Timbre seiner Stimme viel Gefühl zu evozieren weiß. Zugleich hatte er sich Lieder vorgenommen, die einiges an Artikulationskraft erfordern. Etwa mit den balladenartigen „Grenadieren“ in Schuberts Heine-Vertonung, was er so souverän meisterte wie den wilden, leidenschaftlichen Ritt durch Schumanns „Frühlingsfahrt“.

Opulenz trifft Finesse

Sicherheit im Sattel des couragierten rhythmischen Zugriffs bot auch der überaus sensibel mitgestaltende Robert Bärwald am Flügel. Und die Eisler-Lieder belegten zudem den ausgreifenden Horizont des jungen Sängers.

Buchstäblich neue Wege ging dann das Notos-Quartett mit der noch ganz frischen Quartett-Fassung der 3. Sinfonie von Brahms, von dem mit allen Wassern gewaschenen Stuttgarter Arrangeur Andreas N. Tarkmann ins Werk gesetzt. Diese Fassung scheint wie geschaffen, um die neuen Wege, die der Komponist mit dieser Sinfonie gegangenen war, in hoher Transparenz von Klangbild und Linienführung ganz unmittelbar erlebbar zu machen: sinfonische Opulenz in innigster Verflechtung mit kammermusikalischer Finesse.

Großartig, wie Sindri Lederer Violine), Andrea Burger (Viola), Philip Graham (Cello) und Antonia Köster (Klavier) die eminenten vertikalen Akkordschichtungen und wunderbaren horizontalen Dehnungen kontrastreich ausspielten und zugleich in Balance hielten. Mit einer Tongebung, die alles Süße mied – und einem Zugriff, der ganz auf die geistige Substanz, die permanente Fortschreibung des Materials zielte.

So überzeugend das Quartett den bis ins Feinste austarierten Zusammenklang der Instrumente bei Brahms bot, so unmittelbar packend wirkte das spannungsvolle Gegeneinander in Dvoraks spätem Klavierquartett op. 87. Nichts ist Routine bei diesem Musizieren, das hohe Präzision mit auch im Tempo risikobereiter Leidenschaftlichkeit zu paaren weiß: Ein Weg, der alles verlangt, alles gibt – und ewig ist.

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