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AKW-Gegner: Meiler ist nicht sicher

Block II des Atomkraftwerks Neckarwestheim ist am Freitag für die Jahresrevision vom Netz gegangen. Folgt man Forderungen der Anti-AKW-Bewegung, bliebe der Meiler am besten für immer abgeschaltet: Der Betrieb von GKN II sei nicht mehr sicher, sagen der Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar (BBMN), der Umweltverband BUND und die Atomenergie-kritische Organisation „ausgestrahlt“.

Risiko Supergau? AKW-Gegner halten einen weiteren Betrieb von GKN II für nicht mehr verantwortbar. Archivfoto: Alfred Drossel
Risiko Supergau? AKW-Gegner halten einen weiteren Betrieb von GKN II für nicht mehr verantwortbar. Foto: Alfred Drossel

Neckarwestheim. Deutlich über 300 Risse waren bei den Revisionen 2017 bis 2019 an den insgesamt 16 400 Heizrohren der vier Dampferzeuger von GKN II gefunden worden. Weil die Rohre trotz der Korrosionsschäden noch dicht waren, hielten und halten Betreiberin EnBW und die Atomaufsicht im Landesumweltministerium den Reaktor, der Ende 2022 als letztes deutsches Atomkraftwerk vom Netz gehen soll, gleichwohl für sicher: Neckarwestheim II ging nach einer Reparatur der schadhaften Rohre im Zuge der Revisionen jeweils wieder ans Netz.

Das wollen Bürgerinitiativen und BUND diesmal verhindern: Wegen der Schäden an den Heizrohren sei kein sicherer Kraftwerksbetrieb mehr zu gewährleisten, sagen sie. Denn die Rohre seien in den jetzigen Dampferzeugern weiterhin einer unveränderten Korrosionsgefahr ausgesetzt, weshalb jederzeit neue Risse auftreten könnten. Im Falle eines Rohrbruchs in den Dampferzeugern aber drohe ein schwerer Atomunfall bis hin zur Kernschmelze.

GKN müsse daher jetzt und nicht erst in zweieinhalb Jahren für immer abgeschaltet werden, heißt es in einem Antrag, den die Atomkraftgegner beim Umweltministerium stellten. Sollte sich Minister Franz Untersteller (Grüne) nicht dazu entschließen, GKN II vorzeitig die Betriebsgenehmigung zu entziehen, müssten zumindest die vier Dampferzeuger ausgetauscht werden. Die Rohre nur „flicken“ zu wollen – „das wäre, als wolle man eine lecke Gasleitung mit ein bisschen Tesa überkleben“, sagte BUND-Landesgeschäftsführerin Sylvia Pilarsky-Grosch in einer gemeinsamen Pressekonferenz der Antragsteller.

Klar ist dabei: Auch die Anordnung eines Austauschs der Dampferzeuger wäre voraussichtlich das Aus für GKN II. Technisch wäre sie zwar machbar. Doch erstens ginge das nicht von heute auf morgen, und zweitens lägen die Kosten dafür nach Angaben der AKW-Gegner bei rund 150 Millionen Euro – eine Investition, die sich EnBW angesichts der überschaubaren Restlaufzeit ihres letzten aktiven Meilers kaum leisten würde.

Die Antragsteller – neben „ausgestrahlt“, BBMN und BUND gehören zu ihnen auch vier Privatleute, die in der näheren Umgebung des GKN leben – berufen sich auf ein Gutachten von Professor Manfred Mertins. Der ist nicht irgendwer, sondern arbeitet seit Jahrzehnten als Sachverständiger für Reaktorsicherheit und war lange Mitarbeiter der Gesellschaft für Reaktor- und Anlagensicherheit, die im Auftrag der Bundesregierung die Sicherheit von AKW beurteilt. Er widerspricht ausdrücklich der Annahme von EnBW und Atomaufsicht, dass vor einem möglichen Rohrbruch in den Dampferzeugern – sozusagen als Warnsignal – Lecks an den Heizrohren festzustellen wären. Ein „Leck-vor-Bruch-Verhalten“ könne in Neckarwestheim „weder unterstellt noch nachgewiesen werden“. Auch für die Aussage von EnBW und Ministerium, dass die Rissbildung in den Heizrohren nur langsam verlaufe, gebe es keinen Beweis. Mertins weist in seiner Einschätzung zudem auf die bereits bestehenden, über 300 „Vorschädigungen“ und das „korrosive Milieu“ hin, dem die Rohre weiter ausgesetzt seien. Dieses führt Armin Simon von „ausgestrahlt“ zum einen auf das in den Sekundärkreislauf eingeleitete Neckarwasser zurück, zum anderen auf eine von EnBW zum Schutz der Zwischenüberhitzer bewusst herbeigeführte Sauerstoffeinspeisung, die – unbeabsichtigt – zur Ablagerung von Eisenoxid in den Dampferzeugern geführt habe.

Die GKN-Betreiberin EnBW wiederholte gestern in einer Stellungnahme ihre Position: „Alle Dampferzeuger-Heizrohre waren und sind dicht.“ Ihre Überprüfung sei ein Schwerpunkt der jetzigen Revision, eventuell „erforderliche Instandhaltungsmaßnahmen“ würden „unmittelbar umgesetzt“. Auch das Umweltministerium verwies darauf, dass das Thema Heizrohre „alles andere als neu“ sei. Die Rohre würden jetzt wiederum allesamt überprüft – „wie gewohnt streng nach Recht und Gesetz“. Just daran aber zweifelt der BBMN: Nicht nur die Rohre in Neckarwestheim seien „alt, rissig und spröde“, sagt BBMN-Sprecher Franz Wagner. Seit das Land „Eigentümer der EnBW und damit letztlich des GKN ist“, sei auch die Atomaufsicht im Südwesten „korrodiert und erodiert“.

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