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„Die Isländer sehen alles etwas entspannter“

Die 19-jährige Gesine Biehler von der Erich-Bracher-Berufsschule über ihre Erfahrungen bei einem internationalen Praktikum in Reykjavík

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Die Erich-Bracher-Schule bietet Auslandspraktika im Bereich der beruflichen Bildung an. Unser Bild zeigt Gesine Biehler (links) und die Projektleiterin Eva Huwald. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Island ist nicht nur ein beliebtes Reiseziel, sondern bietet jungen Auszubildenden wie Gesine Biehler aus Oberstenfeld-Gronau die Möglichkeit, praktische Erfahrungen zu sammeln. Die 19-Jährige macht bei der Protec GmbH in ihrem Heimatort eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Das theoretische Rüstzeug erhält sie an der Erich-Bracher-Berufsschule in Pattonville, die sich seit dem Jahr 2014 an dem europäischen Bildungsprogramm Erasmus plus beteiligt. Nach Wales hat sie nun auch Kontakte nach Finnland und zu der Insel im Nordmeer geknüpft.

 

Doch anders als in Wales, wo der Aufenthalt der jungen Auszubildenden komplett organisiert wird und diese vor Ort betreut werden, war Gesine Biehler bei ihrem dreieinhalbwöchigen Auslandsaufenthalt im März auf sich alleine gestellt. Diese Herausforderung hat sie perfekt gemeistert und ist mit vielen Eindrücken zurückgekehrt. Ihr Praktikum hat sie bei Seeds in der Hauptstadt Reykjavík absolviert. Das ist eine Nonprofit-Organisatation, die sich im Bereich Umweltschutz und Landschaftspflege organisiert. Dort war sie in der Buchhaltung tätig, hat Belege kontiert und Bewerbungen bearbeitet.

 

Angetan hat es ihr nicht nur die atemberaubend schöne Landschaft, sondern auch die Herzlichkeit der Menschen und deren Arbeitseinstellung. „Die Isländer sehen alles etwas entspannter, es ist nicht alles so durchstrukturiert wie bei uns“, hat sie festgestellt. Weder Autos noch Häuser werden auf der Insel mit den knapp 350 000 Einwohnern abgeschlossen. Locker auch der Umgang mit den Vorgesetzten: Mit dem Chef von Seeds seien die anderen Praktikanten und sie sofort per Du gewesen, erzählt Gesine Biehler. Ihre persönliche Bilanz: „Der Islandaufenthalt hat mir auch persönlich viel gebracht. Vorher war ich noch nie so lange alleine weg“, erzählt sie.

 

Mitgespielt hat auch ihr Arbeitgeber, der sie während ihrer Zeit in Island ganz normal entlohnt hat. Auch wenn dieser Auslandsaufenthalt aus Mitteln des Erasmusprogramms gefördert wird, benötigen die Praktikanten Geld für ihren Aufenthalt. Gerade in Island sind die Lebenshaltungskosten sehr hoch. Ihr Herz während der Fußball-WM schlägt aber trotz Begeisterung für die Isländer für die deutsche Mannschaft, erzählt die 19-Jährige.

 

Eva Huwald, Lehrerin an der Erich-Bracher-Schule, betreut das Erasmusprogramm gemeinsam mit ihren Kolleginnen Sabine Mesenholler und Carina Rentschler. Sie bescheinigt der jungen Frau, eine sehr gute Schülerin zu sein, die nicht nur über gute fachliche und sprachliche, sondern auch soziale Kompetenzen verfügt. „Sie ist pünktlich, motiviert, zuverlässig und hat auch eine hohe Frustrationsgrenze“, erläutert sie, warum Gesine Biehler den Zuschlag erhalten hat. Das ist nicht bei jedem Auszubildenden der Fall, der sich um die Teilnahme an dem Erasmusprogramm bewirbt.

 

Eva Huwald hat die Erfahrung gemacht, dass die jungen Menschen während ihres Auslandsaufenthaltes sprachliche und kulturelle Impulse erhalten, die sich positiv auf ihre persönliche und berufliche Entwicklung auswirken. Nicht zuletzt tragen Angebote wie diese zur Attraktivität des dualen Ausbildungssystems bei. „Es ist ein Riesengewinn, dass die Auszubildenden über den Tellerrand hinausschauen können“, so Angelika Schober-Penz, die an der Berufsschule für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. „Auch für Lehrer ist es wichtig, von den europäischen Nachbarn zu lernen“, findet Eva Huwald, dass alle Seiten von einem internationalen Austausch lernen.

 

Die Erich-Bracher-Schule ist nach eigenen Angaben die einzige Schule, die Auslandspraktika im Bereich der beruflichen Bildung anbietet. Am intensivsten sind die Kontakte nach Wales im Südwesten Großbritanniens. Dort arbeiten die jungen Leute verschiedener Ausbildungsberufe in ganz normalen Betrieben. Im Jahr 2016 sind Kontakte nach Finnland und Island aufgenommen worden. Bisher haben drei Auszubildende mit Hilfe des Erasmusprogramms ein Praktikum in Island und zwei Schüler in Finnland absolviert. Findet in Wales eine intensive Betreuung statt, so sind die Praktikanten in Skandinavien weitgehend auf sich gestellt.