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Vor 100 Jahren: Auf dem Hohenasperg treffen die ersten Kriegsgefangenen ein

„Es fehlte nichts außer der Freiheit“

Der Hohenasperg war von August 1914 bis Oktober 1918 ein Kriegsgefangenenlager für 1000 Franzosen und 200 Russen

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Die „Franzosenlinde“ zwischen Bastei und Weinbergen erinnert an die rund 1000 französischen Kriegsgefangenen, die zwischen 1914 und 1918 auf dem Hohenasperg eingesperrt waren. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Juni 1914: Im Asperger Rathaus randaliert ein „Halbirrsinniger“. Der Mann, 30 Jahre alt und kräftig, zertrümmert mehrere Fenster und Stühle, ein Schreibpult und Tintenfässer, droht, Schultes samt Landjäger und Polizeidiener niederzuschlagen. Erst als das Läuten der Rathausglocke die Nachbarschaft alarmiert, gelingt es „einigen beherzten Männern“, den Rasenden zu überwältigen. Er wird dabei verletzt und deshalb ins Krankenhaus gebracht.

Acht Wochen später versinkt Europa in einem vierjährigen Gewaltexzess – und zunächst mag ihn keiner stoppen. Die erste zivile Kriegsmaßnahme in Asperg: Am 3. August, dem Tag nach der Mobilmachung, wird bis Kriegsende eine Sperrstunde über die örtlichen Schankwirtschaften verhängt – sie müssen fortan um 22 Uhr schließen.

Die ersten leibhaftigen Kriegsfolgen erleben die Asperger zehn Tage später: Noch vor dem Morgengrauen des 13. August werden 303 französische Kriegsgefangene auf den Hohenasperg gebracht, am frühen Abend folgen ihnen 102 weitere. Sie alle haben sich den vorrückenden Deutschen bei Mühlhausen im Elsass ergeben, der Hohenasperg wird jetzt zum Kriegsgefangenenlager. Schon am 21. August befinden sich 790 französische Soldaten auf dem Demokratenbuckel, wo sie ein Ersatz-Bataillon des Württembergischen Landwehr-Infanterieregiments 120 bewacht.

Im November entdeckt ein Besucher aus der neutralen Schweiz einen der Kriegsgefangenen im Garten des Stadtschultheißen bei der Arbeit. Wie es ihm gehe, fragt der Schweizer den Franzosen. Gut, antwortet der. Schon sein Vater sei 1870/71 hier gefangen gewesen. Der habe ihm geraten: „Lass Dich von den Deutschen gefangen nehmen. Dann kommst Du auf den Hohenasperg, da hast Du es gut.“ Und – so endet die von der Tochter des Schweizers überlieferte Anekdote – der Vater habe in den Augen des Sohnes auch recht behalten.

Der Asperg-Chronist Theodor Bolay hat diese Geschichte in seinem 1978 erschienen Heimatbuch mit unüberhörbarem Behagen aufgegriffen. Doch trotz Zuckerguss: Aus der Welt gegriffen ist die Episode wohl nicht, empfanden doch auch andere Kriegsgefangene ihre Behandlung in Asperg zumindest anfangs als akzeptabel. Der Maler und Fotograf Charles Braemer etwa, der einer elsässischen Familie, die für Frankreich optiert hatte, entstammte und zu den ersten französischen Soldaten gehörte, die auf dem Hohenasperg ankamen, schrieb: „Man kann weder sagen, dass wir glücklich, noch dass wir unglücklich hier waren. Wir sind hier nicht schlecht behandelt worden, und es hat uns an nichts Notwendigem außer der Freiheit gefehlt.“

Braemer hat den Haftalltag in Aquarellen illustriert – zwei davon sind im Museum auf dem Hohenasperg zu sehen. In einem Typoskript sinniert er über das „traurige Privileg eines Gefangenen“, durch Kälte und Gitter von der Welt abgeschnitten zu sein, und er berichtet von den endlosen Kartenspielen, mit denen er und seine Kameraden die Zeit totschlugen.

Tatsächlich hielt sich das Reich im ersten Kriegsjahr noch strikt an die Haager Landkriegsordnung von 1899, die den Einsatz Kriegsgefangener in der Kriegswirtschaft untersagte. Doch das änderte sich rasch, mit der Zeit musste rund die Hälfte der 1000 Franzosen und 200 Russen, die während der vier Kriegsjahre auf dem Hohenasperg eingesperrt waren, außerhalb der Festungsmauern arbeiten, zumeist in der Landwirtschaft. Die von Bolay als sentimentale Schnurre berichtete Begegnung des Schweizers mit dem französischen Kriegsgefangenen im Garten des Schultheißen mag indessen ein Indiz dafür sein, dass es das Kaiserreich schon Ende 1914 mit Artikel sechs der Landkriegsordnung nicht mehr so genau nahm.

Aber nicht nur Freiheitsentzug, erzwungener Müßiggang und erzwungene Arbeit verleideten den Franzosen trotz passabler Haftbedingungen – der jederzeit mögliche Hofgang etwa konnte, so ein zeitgenössischer Pressebericht, bis „zum Vorgarten mit herrlicher Aussicht nach Süden“ ausgedehnt werden – den Zwangsaufenthalt auf dem „höchsten Berg“ Württembergs. Die gefangenen Soldaten wurden auch zur Schau gestellt, fanden sich als Touristenattraktion sogar auf Postkarten wieder. Eine davon fand den Weg aus dem besetzten Teil Frankreichs zurück nach Asperg: Ein deutscher Soldat teilte darin seiner Familie mit, die „Erbfeinde“ kämen ihm „in ihrem eigentlichen Frankreich bald gefährlicher vor als auf dem Asperg.“

Ob allen eingesperrten Franzosen die Gefangenschaft im Schwabenland tatsächlich so erträglich schien, wie es manch zeitgenössisches Zeugnis nahelegt, ist indessen zu bezweifeln, und man wird sich seine Gedanken darüber machen müssen, wie freiwillig die „freiwilligen von den französischen Kriegsgefangenen gespendeten Beiträge“ wirklich waren, über deren Verwendung der Asperger Gemeinderat Ende 1914 beriet. Offensichtlich ist: Die Pflanzung der „Franzosenlinde“, die im Knick der Straße zwischen Bastei und Weinbergen steht, war eine Initiative ihrer Bewacher vom Landsturm-Infanterieregiment 120, dessen Ersatz-Bataillon seit Monaten mit 300 Mann in der Stadt lag. Mit einem stattlichen Baum konnte das Bataillon, das vielen Aspergern längst als Last galt, jedenfalls seine glorreiche Aufgabe fern der Front feiern und „die Anlage wesentlich verschönern“ – was, wie es im Ratsprotokoll vom 9. November 1914 heißt, der Stadt „keinerlei Kosten“ auferlege und auch „für den Fremdenverkehr wünschenswert“ sei.

Genau vier Jahre nach der Zustimmung des Asperger Gemeinderats zu diesem Geschenk, am 9. November 1918, riefen in Berlin Philipp Scheidemann die Deutsche und Karl Liebknecht die Räterepublik aus. Das Kriegsgefangenenlager auf dem Hohenasperg war bereits einige Tage zuvor, am 24. Oktober 1918, aufgelöst worden. 1934 ließen die Nazis eine an die französischen Kriegsgefangenen erinnernde Inschrift entfernen. Die „Franzosenlinde“ selbst steht unangetastet an der Auffahrt zur alten Festung. Sie ist als Naturdenkmal geschützt.