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„Jede Unterrichtsstunde ist wertvoll“

Erich-Bracher-Schule setzt bei einigen Klassen auf Hybridunterricht – Virus soll nicht in Ausbildungsbetriebe getragen werden

Prüfungen müssen die Schüler weiterhin vor Ort schreiben. Dafür wird an der Erich-Bracher-Schule die große Aula genutzt. Foto: Holm Wolschendorf
Prüfungen müssen die Schüler weiterhin vor Ort schreiben. Dafür wird an der Erich-Bracher-Schule die große Aula genutzt. Foto: Holm Wolschendorf

Kornwestheim/Remseck. Auch angesichts gestiegener Infektionszahlen setzt das baden-württembergische Kultusministerium noch immer auf Präsenzunterricht an den Schulen. „Ich würde mir wünschen, differenzierter darauf zu schauen“, plädierte jedoch Oliver Schmider, Leiter der Erich-Bracher-Schule in Kornwestheim-Pattonville, in einem Gespräch mit Pressevertretern. Denn an seiner Schule hatte das Coronavirus vor den Herbstferien dazu geführt, dass drei der sieben Klassen mit Industriekaufleuten in Quarantäne mussten. Auch zahlreiche Lehrkräfte hatte es getroffen. „Der Fachbereich war kaum noch unterrichtsfähig“, erinnerte sich Simone Hammer, die den Bereich Industrie an der Schule leitet.

Schüler alle zwei Wochen vor Ort

Nach den Ferien wurde deshalb zumindest für die größten sechs Klassen mit Industrie- und Bankkaufleuten Hybridunterricht eingeführt. „Wir wollen lieber ein Konzept fahren, das überwiegend funktioniert, als dass gar nichts mehr geht“, sagte Simone Hammer. Im Durchschnitt haben die Auszubildenden eineinhalb Tage pro Woche Berufsschulunterricht. Konkret heißt das, dass es jede Woche einen Unterrichtstag sowie alle zwei Wochen einen weiteren gibt. Bei den Hybridklassen ist nun im wöchentlichen Wechsel die Hälfte der Schüler vor Ort, die andere Hälfte nimmt von zu Hause aus am Unterricht teil. Der zusätzliche Tag alle zwei Wochen findet für alle Schüler online statt. „Das Ziel ist eine Minimierung der Infektionsmöglichkeiten und eine Maximierung der Beschulung“, so Angelika Schober-Penz, die Pressebeauftragte der Schule.

„In schwierigen Zeiten muss man Dinge entscheiden, die sich außerhalb des Reglements bewegen“, sagte Oliver Schmider dazu, dass diese Art des Unterrichtens aktuell eigentlich nicht vorgesehen ist. „Lüften ist gut, aber nicht das Allheilmittel“, so der Schulleiter. An der Erich-Bracher-Schule galt auch bereits Maskenpflicht, bevor man sich in Stuttgart zu diesem Schritt entschloss.

Für die beruflichen Schulen forderte Schmider mehr Freiraum in Abhängigkeit vom Infektionsgeschehen im jeweiligen Landkreis und betonte, dass sie schon eine längere Tradition bei der Digitalisierung hätten als andere Schularten. So habe die Erich-Bracher-Schule bereits im vergangenen Jahr einen Glasfaseranschluss erhalten und verfüge über WLAN. Derzeit erwarte man zudem eine Lieferung von 140 Leih-Tablets, finanziert durch das Sofortausstattungsprogramm des Bundes.

Als „relativ luxuriös“ bezeichnete Simone Hammer die Ausstattung der Klassenzimmer und zeigte auf das Lehrerpult hinter einer Plexiglasscheibe, das wie in fast jedem Raum mit Computer, Kamera und Mikrofon ausgestattet ist. So könne sie etwa ihren Monitor mit den Schülern teilen. „Wenn die Schüler zu Hause ein Mikrofon haben, kann ich sie über die Lautsprecherboxen hören“, so Hammer. Doch auch per Chat könnten sich die Schüler melden. Für den Hybridunterricht nutzt die Schule die Plattform Microsoft Teams.

Die Notengebung muss jedoch weiterhin in Präsenz stattfinden. Klassenarbeiten werden derzeit mit allen Schülern, aber nur in Randstunden und mit etwas weniger Zeit, geschrieben, damit die eine Hälfte der Klasse genug Zeit für die Fahrt vom und zum Heimunterricht hat.

Zudem wird der Hybridunterricht laut Simone Hammer bislang bewusst nur in Klassen eingesetzt, bei denen man sicher sei, dass sie damit gut klarkommen. Bereits die Lernlücken, die im Frühjahr entstanden sind, werden laut Oliver Schmider schwer zu schließen sein. „Dieses Jahr muss es laufen“, ist daher sein Ziel. Denn bei einer Ausbildungsdauer von maximal drei Jahren fielen einige Monate ins Gewicht.

Modell beliebter als Selbstlernen

Zudem wies Schmider auf das Risiko hin, dass das Coronavirus bei einer Verbreitung in der Schule auch in die Ausbildungsbetriebe – einige seien systemrelevant – getragen werden kann. Vier Auszubildende an der Schule hat aktuell die Firma Jetter, ein Anbieter von Automatisierungssystemen mit Sitz in Ludwigsburg. Marion Hauser sollte als Vertreterin des Unternehmens online zugeschaltet werden, kam dann aber doch lieber persönlich zum Gespräch, um ihre Erfahrungen mit dem Hybridunterricht darzulegen, den derzeit eine angehende Industriekauffrau erhält. Um den Unterricht in Coronazeiten zu unterstützen, hat die Firma Jetter alle ihre Auszubildenden mit Laptops ausgestattet. Im Hybridunterricht sieht Marion Hauser eine bessere Alternative als das eigenständige Lernen zu Hause vor den Sommerferien. „Jede Unterrichtsstunde in der Schule ist wertvoll“, zitierte sie die Erkenntnis ihrer Auszubildenden. Sie hält es ebenfalls für wichtig, dass die beruflichen Schulen bei der Unterrichtsgestaltung flexibel sein dürfen, auch um möglichst keine Infektionen in die Betriebe zu tragen: „Wir haben eine Fürsorgepflicht für alle Mitarbeiter.“

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