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Bietigheimer Tag

Herausforderungen für Demokratie

SPD-Landeschef Andreas Stoch geht in seinem Vortrag auch auf die „Verrohung der Sitten im Internet“ ein

„Demokratie leben – jetzt erst recht“: Über dieses Thema sprach auch SPD-Landeschef Andreas Stoch (links). Foto: Alfred Drossel
„Demokratie leben – jetzt erst recht“: Über dieses Thema sprach auch SPD-Landeschef Andreas Stoch (links). Foto: Alfred Drossel

Bietigheim-Bissingen. Mit einer vollen Stadtkirche und einem vollen Gemeindehaus erlebte der „Bietigheimer Tag“ erneut starke Resonanz – und vehemente Plädoyers zur Verteidigung der Demokratie.

Im 98. Jahr geht der Bietigheimer Tag, mit dem die evangelische Kirche im Ort einst den Brückenschlag zur sozialdemokratischen Arbeiterschaft schlagen wollte, stramm auf ein großes Jubiläum zu. In der Stadtkirche fühlte sich das nun so an, als gelte es schon jetzt ein wenig zu feiern. Vielleicht lag es ja am Thema, dass die Kirchenbänke voll waren: „Demokratie leben – jetzt erst recht!“

Auf der Kanzel befasste sich der Münchner Theologie- und Ethik-Professor Reiner Anselm mit dem Propheten Jeremias, der ob seiner Standfestigkeit „Spott und Anfeindungen seiner Gegner ertragen musste, sich dadurch aber weder zu Rache noch Selbstjustiz verleiten ließ“, wie Anselm betonte. Jeremias sei „Opposition gewesen, wie Demokratien auch heute Opposition brauchen“. Trotzdem sei er „nur bedingt ein Vorbild, denn sein Gestus der Unnachgiebigkeit ist mit Demokratie nicht vereinbar“. Dabei argumentierte Anselm mit dem Bonhoeffer-Wort, wonach es „zwischen dem Letzten und Vorletzten zu unterscheiden“ gelte. So gebe die Bibel keine konkrete Handlungsanweisung, sondern „einen Rahmen, der von menschlichem Handeln ausgefüllt werden muss“. Nach diesem Maßstab schicke sich Jeremias an, „im Namen des Guten gegen den Geist der Versöhnung zu verstoßen“. Just dieser Geist spiegle die „demokratische Tugend des Kompromisses“: Als Ausdruck dafür, „das niemand von uns im Besitz letzter Wahrheiten ist“. So sei es „die einzigartige Stärke der Demokratie, Kontroversen auszuhalten und auf andere zuzugehen. Damit Fragen eben nicht zu Glaubensfragen werden“, betonte Anselm. „Diesen Glauben an die Versöhnung weiterzugeben, das ist Arbeit an der Demokratie.“

Daran anknüpfend glich das Grußwort von Oberbürgermeister Jürgen Kessing eher einer Grundsatzrede, wobei er direkt an das „Bündnis für Menschlichkeit“ erinnerte, das jüngst mit Hunderten von Teilnehmern auf dem Kronenplatz Flagge gezeigt hatte. So stehe die Stadtgesellschaft „für Freiheit, wechselseitigen Respekt und ein gutes soziales Miteinander, für ein demokratisches, friedliches und weltoffenes Gemeinwesen“. Im Übrigen seien es „auch die Menschen in den hiesigen Unternehmen“, die genau das wollten: „Von denen wir abhängen und deren Kontakte in die ganze Welt reichen“. Das Stadtoberhaupt schloss: „Demokratie kann und muss gelebt werden, jetzt erst recht!“

Andreas Stoch, Mitglied des Landtages und Vorsitzender der Landes-SPD, arbeitete in seinem ausdrücklich nicht auf Wahlkampf peilenden Vortrag heraus, wie Demokratie „heute herausgefordert ist“. Und zwar speziell durch die Möglichkeiten des Internets, wo „auch mit falschen Behauptungen gültige Wahlergebnisse erzielt werden“. Stoch konstatierte, dass „die Verrohung der Sitten im Internet“ nichts mehr mit Dialog oder harten Auseinandersetzungen gemein hätten, wie sie die Demokratie brauche: „Dies ist das digitale Gebrüll einer Saalschlacht, bei der andere zum Schweigen gebracht werden sollen.“ Neben dem manipulativen Potenzial von sozialen Medien komme hinzu: „Man klickt sich die Welt, wie sie einem gefällt.“ Eine Infantilisierung, die nicht mehr „zwischen komplettem Blödsinn und seriösen Nachrichten“ unterscheide und hinter der der „Wunsch nach Allmacht“ stecke. Angesichts der medialen Atomisierung von Öffentlichkeit sei die „Herausforderung für die Demokratie, überhaupt noch eine gemeinsame Landkarte zu haben“. Darauf gelte es „Antworten zu finden“, wobei Stoch auch Chancen für „mehr Beteiligung und direkte Demokratie“ auslotete.

Auch Barbara Traub, Vorstandsvorsitzende der Israelitischen Gemeinde Württemberg, hielt angesichts einer „Radikalisierung des Denkens, die auch in Baden-Württemberg bis in die Mitte der Gesellschaft reicht“, ein leidenschaftliches Plädoyer für die Demokratie: „Wir müssen zusammenhalten und Brücken bauen. Es gibt keine bessere Gesellschaft als die demokratisch verfasste. Aber wir müssen dafür kämpfen. Jetzt erst recht!“

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