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Gewaltkriminalität
Gewalt unter Kindern: Strobl stellt Straf-Alter infrage

Polizei
Für den Minister ist der kurzfristige Rückgang bei der Kinder- und Jugendkriminalität kein Grund zur Entwarnung. Foto: Bernd Weißbrod
Sie erpressen und klauen, schlagen - und stechen zu: Unter Kindern in Baden-Württemberg nimmt die Gewalt seit Jahren zu. Innenminister Strobl fordert nun Konsequenzen.

Stuttgart. Die zunehmende Gewaltkriminalität unter Kindern bereitet der Landesregierung enorme Sorgen. Im vergangenen Jahr wurden in diesem Kriminalitätsbereich so viele tatverdächtige Kinder bis 13 Jahre registriert wie seit mindestens 20 Jahren nicht, wie das Innenministerium der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Insgesamt wurden bei der Gewaltkriminalität 1.243 tatverdächtige Kinder erfasst - vor zehn Jahren waren es noch 456.

Innenminister Thomas Strobl stellte angesichts der Entwicklung die geltende Strafmündigkeitsgrenze infrage. «Die bisherige Regel ist über 100 Jahre alt und ein 14-Jähriger ist heute ein anderer als ein 14-Jähriger 1923», so der CDU-Politiker. Damals habe es zum Beispiel kein Internet und keine sozialen Medien gegeben. «Das müssen wir zwingend und dringend auf den Prüfstand stellen.» 

Diskussion um Verantwortung

Wenn Kinder in Deutschland Straftaten begehen, müssen sie sich bislang erst ab 14 Jahren verantworten. Diese Altersgrenze wurde 1923 festgesetzt. In einem Brief an Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) fordern Strobl und Landesjustizministerin Marion Gentges (CDU), eine Studie zur «altersbezogenen Entwicklung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit bei Kindern» in Auftrag zu geben. Diese müsse unbedingt auch eine Überprüfung der Strafmündigkeitsgrenze in den Blick nehmen.

Strobl will am Donnerstag die polizeiliche Kriminalstatistik vorstellen. Bei der Kinder- und Jugendkriminalität gibt es in mehreren Punkten positive Entwicklungen: Insgesamt ging die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren im Vergleich zum Vorjahr um 9,6 Prozent zurück - auf 43.899. Wann man das Pandemie-Jahr 2021 ausklammert, handelt es sich laut Ministerium um ein Zehn-Jahres-Tief. Verstöße gegen das Ausländerrecht wurden dabei nicht mitgezählt.

Plus 120 Prozent in zehn Jahren

Auch die Zahl tatverdächtiger Kinder bis 13 Jahre ist um 5,3 Prozent gesunken - aber nur im Vergleich zum Vorjahr. Langfristig geht die Kurve nach oben. In den vergangenen zehn Jahren sei die Zahl tatverdächtiger Kinder im Südwesten um rund 57 Prozent gestiegen, warnt Strobl. «Bei den Körperverletzungsdelikten fällt der Anstieg mit einem Plus von knapp 120 Prozent noch krasser aus.» Man müsse sich viel stärker mit der Kindergewalt auseinandersetzen. 

Höchststand bei Gewaltkriminalität

Bei der Kinder- und Jugendkriminalität handelt es sich laut Ministerium meist um Körperverletzungen sowie Diebstähle, darunter meist Ladendiebstähle. Die positive Entwicklung sei vor allem auf Rückgänge beim Ladendiebstahl (minus 18,2 Prozent), beim Schwarzfahren (minus 27,1 Prozent) und bei Rauschgiftdelikten (minus 42 Prozent) zurückzuführen - dabei wirke sich die Teil-Legalisierung von Cannabis statistisch aus, berichtet das Ministerium.

Die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren im Bereich der Gewaltkriminalität sank 2025 um sieben Prozent auf 6.237, liegt aber weiter über dem Zehnjahresmittel. In der Altersgruppe der Kinder steigt die Zahl aber weiter an - auf 1.243 Kinder, den höchsten Stand seit vielen Jahren.

Gewalt an Schulen: Deutlich mehr Opfer

Die Gewalt an Schulen ist rückläufig, bleibt aber ein Thema: 2025 wurden 214 Lehrkräfte und 2.612 Schülerinnen und Schüler Opfer einer Straftat – 7,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Langfristig sei die Zahl der Opfer seit 2016 jedoch um knapp 70 Prozent gestiegen, so das Ministerium. Besonders deutlich zeige sich der Anstieg bei Körperverletzungen.

© dpa-infocom, dpa:260217-930-696511/1