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Neckar-Käpt’n denkt an Umzug nach Marbach

Wenn zwei sich streiten, freut sich manchmal der Dritte: Derzeit liegt Neckar-Käpt’n Wolfgang Thie mit der Stadt Stuttgart im Clinch – und Marbach könnte in finanzieller Hinsicht davon profitieren.

Die „Wilhelma“ verkehrt bis Besigheim; derzeit liegt sie in Neckarsteinach auf der einzigen Neckarwerft und wird für die Saison fit gemacht. Foto: Archiv
Die „Wilhelma“ verkehrt bis Besigheim; derzeit liegt sie in Neckarsteinach auf der einzigen Neckarwerft und wird für die Saison fit gemacht. Foto: Archiv

Marbach/ Stuttgart. Der Chef der Neckar-Flotte – früher die legendäre „Berta Epple“ – denkt gemeinsam mit seinem Steuerberater darüber nach, den Firmensitz von Stuttgart nach Marbach zu verlegen; ein kleines Büro würde dazu bereits reichen. Denn auf die Stadt Stuttgart ist Thie nicht gut zu sprechen.

Was ihn ärgert, ist das Chaos, das schon seit längerer Zeit um die Anlegestelle an der Wilhelma in Stuttgart herrscht: Bauzäune, Schutthaufen und gleich zwei Großbaustellen drum herum – der Rosensteintunnel und Stuttgart 21. Selbst Einheimische tun sich schwer, in diesem unwirtlichen Durcheinander den Weg zu den Schiffen zu finden. Ein paar Hinweisschilder, ein paar Bänke, ein paar Sitzstufen am Ufer würden ja schon mal reichen, findet Thie; für 30.000 Euro sei das zu haben und würde ihm helfen. Aber es tue sich nichts.

Auch der zweite Stuttgarter Anleger am Mühlgrün flussabwärts ist nicht zur Zufriedenheit des Neckar-Käpt’n, denn dort dürfen keine Passagiere zusteigen. „Stuttgart vergisst, dass es einen Hafen hat“, sagt Wolfgang Thie, und: dass sein Betrieb Gewerbesteuer zahlt. Aber da gebe es ja gute Alternativen.

Dieses Geld könne zum Beispiel woandershin fließen, so die Überlegung des Kapitäns, die ein Stuttgarter Boulevardblatt in die Schlagzeile umformulierte „Neckar-Käpt’n will Stuttgart verlassen“. So weit sei es allerdings noch nicht, sagt Thie im Gespräch mit unserer Zeitung, das gehe alles nicht so schnell, und vor dem Sommer gebe es auch keine Entscheidung. Das inzwischen schön gestaltete Neckarufer in Marbach lässt ihn allerdings offenbar mit Wohlwollen an die Stadt denken. „Wir standen mit der Verwaltung immer in gutem Kontakt“, sagt Thie.

Allerdings geht es bei diesen Überlegungen ausschließlich um den Betriebssitz; die zwei Schiffe – die „Wilhelma“ und die „Bad Cannstatt“ – werden weiterhin am Anleger in Stuttgart vertäut sein. Ganz neu ist die Überlegung mit dem Verlegen des Betriebssitzes übrigens nicht. „Wir haben das vor zehn oder zwölf Jahren schon mal überlegt“, sagt Thie, „zumal wir erheblich mehr Fahrten von Marbach oder Benningen aus machen.“

Die Fahrten ab Marbach starten in diesem Jahr am 1. Mai, die Stuttgart-Rundfahrten am 15. April. Neue Fahrgäste verspricht sich Thie von der Remstal-Gartenschau; die Rückfahrt mit dem Schiff biete sich doch geradezu an. Denn die Fahrgastzahlen gehen seit Jahren zurück. „Wir haben Einbußen“, sagt der Kapitän. Das vergangene Jahr sei zwar keine Katastrophe gewesen, aber trotz des Supersommers nicht besser als die Vorjahre. Im Schnitt rechnet der Neckar-Käpt’n mit 70.000 Fahrgästen im Jahr; in den 90er Jahren wollten noch 120.000 Besucher im Jahr auf dem Neckar schippern, in den 70er Jahren sogar 200.000.

Diese Zeiten sind vorbei. Die alten Kapitäne, sagt Thie, erzählten noch von Fahrgästen, die mit dem Schiff ins Freibad Hoheneck gefahren seien, ein schöner Tagesausflug, aber Geschichte.

Auf 800 reguläre Fahrten und 80 Sonderfahrten (für Hochzeiten und Betriebsfeiern) kommt der Neckar-Käpt’n im Jahr mit einem bunt gemischten Publikum vom Baby bis zum weit über Achtzigjährigen.

Auf das geänderte Freizeitverhalten hat Thie mit dem Neckarfloß reagiert: Grillparty auf dem Wasser mit Kartoffelsalat inklusive, zwischen Wilhelma und Remseck.

Falls aus der Betriebsverlegung doch etwas werden sollte: Könnte sich die Stadt Marbach denn über eine erkleckliche Gewerbesteuereinnahme freuen? Doch, ja, sagt Thie, Marbach würde sich sicher freuen.

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