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Nahverkehr

Probleme an der Bahnsteigkante

Mehr als 30 S-Bahn-Stationen in der Region sollen bis 2035 einen stufenfreien Zustieg bekommen – Das dauert vielen zu lange

Ein Mann sitzt mit seinem Elektro-Rollstuhl an der S-Bahn-Station im Stuttgarter Hauptbahnhof: Für Menschen mit Behinderungen gestaltet sich der barrierefreie Zutritt in die Züge nach wie vor schwierig.Foto: M. Murat/dpa
Ein Mann sitzt mit seinem Elektro-Rollstuhl an der S-Bahn-Station im Stuttgarter Hauptbahnhof: Für Menschen mit Behinderungen gestaltet sich der barrierefreie Zutritt in die Züge nach wie vor schwierig. Foto: M. Murat/dpa

Kreis Ludwigsburg. Vielleicht muss man sich der Deutschen Bahn auch mal kulinarisch nähern. Der Fellbacher SPD-Regionalrat Harald Raß jedenfalls tat das in der vergangenen Woche. Dass die S-Bahnen in der Region flächendeckend mit WLAN an Bord fahren und noch immer über 1.-Klasse-Abteile verfügen, bezeichnete der Sozialdemokrat als „Delikatessen“.

Wichtiger ist es ihm jedoch, dass sich die DB vor allem ihrem „Brot-und-Butter-Geschäft“ in der Region widmet. Dazu zählt Raß, dass die Fahrgäste an allen S-Bahn-Stationen in Stuttgart und den umliegenden Landkreisen wie Ludwigsburg stufenlos in die Züge einsteigen können. Das ist aber auch nach mehr als 40 Jahren S-Bahn in der Region bei weitem nicht der Fall.

Wie ist die Lage?

An 32 Stationen, mehr als ein Viertel, kommen Fahrgäste nicht stufenfrei in die Züge – und daran wird sich offensichtlich so schnell nichts ändern. Das räumte Michael Groh, der Chef über die Bahnhöfe im Südwesten, jetzt im regionalen Verkehrsausschuss ein. Er sagte zwar: „Es ist uns einwichtiges Anliegen, die Einstiegshürden in das System Bahn so gering wie möglich zu halten.“ Bis das allerdings der Fall ist, würden Stand heute noch 14 Jahre vergehen. Immerhin: An 14 Stationen will die Bahn schon bis 2028 das Niveau der Bahnsteige auf 96 Zentimeter erhöhen.

Was springt für den Kreis Ludwigsburg heraus?

Hohe Priorität haben offenbar drei Bahnhöfe im Kreis: Kornwestheim, Korntal und Ditzingen. Hier könnten die Planungen dieses Jahr beginnen beziehungsweise 2022 oder 2023. „Für Ludwigsburg wurde festgelegt, zunächst die Randbedingungen des Fahrplans mit Stuttgart21 abzuwarten“, so Groh.

Warum dauert die Umsetzung so lange?

Als Hürde für den barrierefreien Ausbau der Bahnsteige erweist sich anscheinend das Planungsrecht. Laut Groh vergehen zwischen den ersten Überlegungen und der Inbetriebnahme acht Jahre, die reine Bauzeit falle mit lediglich sechs Monaten ins Gewicht.

Wesentliche Erleichterung hat wohl auch ein Beschleunigungsgesetz des Bundes nicht geschaffen. Die Bahn rechnet hier mit Zeitersparnissen von sechs bis zwölf Monaten bei der Plangenehmigung.

Was sagt die Politik?

Ihr geht der Ausbau nicht schnell genug voran. Der Regionalpräsident Thomas Bopp (CDU) nannte die Zeitachse der Bahn „aufschlussreich, wenn auch nicht erfreulich“. Sein Parteifreund Helmut Noe stellte fest, dass „noch einiges zu tun ist“ – und der Zeitplan über die Gültigkeit des Verkehrsvertrages hinausreicht, den die Region mit der Bahn bis 2032 geschlossen habe.

Der Stuttgarter Grüne Michael Lateier attestierte der Bahn, dass sie sich „stetig bemüht, um zu Verbesserungen zu kommen“. Dass das so lange dauere, „kann nicht befriedigen“. Der Freie Wähler und Ex-Böblinger Landrat Bernhard Maier sagte: „Barrierefreiheit bei der S-Bahn ist unser klares politisches Ziel, hinter dem wir stehen.“ Der Sozialdemokrat Raß bezweifelte, dass die Bahn mit diesem Vorhaben bis 2035 fertig sein werde, er brachte das Jahr 2040 ins Spiel.

Die FDP glaubt, dass die handelnden Personen grundsätzlich auf dem richtigen Weg seien. Die Regionalrätin Gabriele Heise nannte die lange Umsetzungsdauer aber „frustrierend“. Die AfD sprach von einem „sauren Apfel“, die Fraktion Linke/Pirat sieht viel Nachholbedarf.

...und die Bahn?

Der Manager Groh wollte im regionalen Verkehrsausschuss „die Dinge so realistisch wie möglich darstellen“ und keine „geschönten Zahlen“ präsentieren. Er zeigte sich optimistisch, bis 2035 mit dem stufenfreien S-Bahn-Zugang am Ziel zu sein.

Wie viel muss die Region in das Projekt investieren?

Darüber gehen die Zahlen weit auseinander. Die Grünen gehen von rund 20 Millionen Euro aus, die Freien Wähler von 40 Millionen Euro, laut der FDP wäre die Region gar mit 50 Millionen Euro dabei. Der Freie Wähler Maier: „Es kommen erhebliche finanzielle Belastungen auf den Verband und die Umlagefinanzierer zu.“ Das sind die Stadt Stuttgart und die Landkreise Ludwigsburg, Rems-Murr, Böblingen, Esslingen und Göppingen.

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