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S-Bahn

Weiter keine Mehrheit für klassenloses Reisen in Sicht

Die S-Bahn in der Region Stuttgart befördert in ihrer 1. Klasse eher heiße Luft als Fahrgäste. Braucht es die Abteile für die zahlungskräftigere Kundschaft noch?

Die Tür zur 1. Klasse der S-Bahn steht offen: Im vergangenen Jahr lag die Auslastung bloß bei 3,5 Prozent. Foto: Holm Wolschendorf
Die Tür zur 1. Klasse der S-Bahn steht offen: Im vergangenen Jahr lag die Auslastung bloß bei 3,5 Prozent. Foto: Holm Wolschendorf

Kreis Ludwigsburg. Wenn sich die S-Bahnen in Marbach und Bietigheim in Richtung Ludwigsburg und Stuttgart in Bewegung setzen, herrscht in der 1. Klasse meistens gähnende Leere. Das war schon so, bevor sich das Virus breitmachte. Laut dem Stuttgarter Regionalverband, der den Betrieb der S-Bahn managt, lag die Auslastung der Sitzplätze in der 1. Klasse 2019 bei nur sechs Prozent. Im vergangenen Jahr ging es dann weiter in den Keller: auf etwa 3,5 Prozent. Der regionale Verkehrsdirektor Jürgen Wurmthaler: „Dementsprechend sind auch die Höchstwerte in der am stärksten ausgelasteten Betriebsstunde werktags zwischen 7 und 8 Uhr von mehr als 32 Prozent auf rund 16 Prozent zurückgegangen.“

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„Die 1. Klasse hat keine Zukunft, sie gehört abgeschafft.“

Wolfgang Hoepfner
Die Linke

Die SPD nannte diese Zahlen im regionalen Verkehrsausschuss in dieser Woche „schockierend“. Seit Jahren kämpft die Partei dafür, die 1. Klasse abzuschaffen, und weiß dabei die Linken an ihrer Seite. „Die 1. Klasse ist so überflüssig wie ein Kropf“, sagte der Stuttgarter Regionalrat Wolfgang Hoepfner im Ausschuss. „Sie hat keine Zukunft und gehört abgeschafft.“

Sozialdemokraten und Linke stehen mit dieser Position in der Regionalversammlung allerdings alleine da. Schon vor zwei Jahren holten sie sich eine blutige Nase und unterlagen bei einer Abstimmung CDU, Grünen, Freien Wählern sowie FDP – und an dieser Gemengelage scheint sich auch aktuell nichts geändert zu haben. Der Stuttgarter Grüne Michael Lateier hält die 1. Klasse gerade in der Rushhour für nützlich, wenn es in den S-Bahnen unangenehm voll wird.

16 Plätze entfallen derzeit in einer herkömmlichen S-Bahn auf die 1. Klasse, bei Langzügen sind es dreimal so viele. Knapp 200 sind es in der Holzklasse. Nicht nur die Politik lehnt mehrheitlich eine Änderung ab, auch die DB steht weiter zur 1. Klasse. Der Stuttgarter S-Bahn-Chef Dirk Rothenstein will Fahrgästen, die ihre Ruhe haben und konzentriert arbeiten wollen, weiter ein Angebot machen – auch wenn die Flotte demnächst einem Redesign unterzogen wird.

Für den Regionalverband und die DB lohnt sich die 1. Klasse offenbar auch finanziell. 2019 lagen die Fahrgeldeinnahmen bei mehr als 820000 Euro, im vergangenen Jahr gingen sie dann um etwa 100000 Euro zurück. Anfang 2019 wurden im Verkehrsverbund auf Initiative der Bahn separate 1. Klasse-Zuschläge eingeführt. Davor mussten solventere Kunden ein „Einzelticket Kind“ lösen.

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