Buchhandel
Stadt Ludwigsburg | 10. Oktober 2018

Das Ende einer Ära: Aigner schließt

Diese Schlagzeile hätte Hermann Aigner lieber nicht in der Ludwigsburger Kreiszeitung gelesen. Aber der Gang der Dinge lässt sich nicht aufhalten. Die Buchhandlung Aigner wird Ende Januar 2019 schließen. Mit ihr verschwindet ein Stück Stadtgeschichte, denn mit 214 Jahren ist sie nach den Worten Aigners der älteste Betrieb in der Stadt.

Noch bis Ende Januar 2019 wird der Verkauf in der Arsenalstraße aufrechterhalten. Foto: Holm Wolschendorf
Noch bis Ende Januar 2019 wird der Verkauf in der Arsenalstraße aufrechterhalten. Foto: Holm Wolschendorf

Die Zeiten sind schwierig geworden für Buchhändler. Die Zahl der verkauften Bücher nimmt kontinuierlich ab, der Onlinehandel ist eine starke Konkurrenz und Lesen ist bei Jugendlichen nicht mehr en vogue. „Seit der ersten großen Krise vor rund 18 Jahren habe ich Jahr für Jahr Geld in die Buchhandlung zurückgeführt. Das geht jetzt nicht mehr“, sagt Hermann Aigner in der Büroetage seiner Buchhandlung, die auch sein Elternhaus ist. Rund eine Million Euro, so schätzt er, habe er über Jahre hinweg in die Firma gesteckt, das Tafelsilber wolle er nicht anrühren.

Im Frühjahr sei für ihn die Entscheidung gereift, den Betrieb zu schließen. Dass der Stuttgarter Platzhirsch Wittwer im Sommer den Verkauf an den Branchenriesen Thalia bekanntgegeben hat, habe es ihm ein bisschen leichter gemacht. „Schämen brauch’ ich mich nicht“, sagt der Geschäftsführer, der letzte Woche seinen 87. Geburtstag gefeiert hat.

Und doch schmerzt die Entscheidung mit ihren sich daraus ergebenden Konsequenzen. Es ist das Ende einer Familientradition. Das Ende einer Ära auch für Ludwigsburg. Der Aigner war das erste Haus am Platz, hatte einen Namen weit über die Stadtgrenzen hinaus. Hier waren die Großen der Deutschen Literaturszene zu Gast: Die beiden Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse und Günter Grass, Walter Jens, Martin Suter, Ingrid Noll und Thaddäus Troll, Biene Maja-Schöpfer Waldemar Bonsels ebenso wie Harald Schmidt, Richard von Weizsäcker, Hans-Dietrich Genscher, Gerhard Schröder oder Luis Trenker, den Aigner nach der Lesung zur Freundin nach Bad Cannstatt kutschierte. Sie alle haben sich in den drei Gästebüchern, die Aigner hütet wie einen Schatz, verewigt. Peter Härtling sagte bei einem Besuch über die Buchhandlung: „Solche Häuser, in denen der Geist sich versammelt, fangen einen auf.“

Diese Zeit des Auffangens wird bald Geschichte sein. Die zwölf Mitarbeiter haben bereits ihre Kündigung erhalten und seien, so sagt Aigner, fast alle schon „gut untergekommen“. Früher, als die Buchhandlung noch Filialen in Kornwestheim und Marbach hatte, waren es über 40 Mitarbeiter. 2010 trennte sich Aigner von der Kornwestheimer Filiale und verkaufte die Immobilie. Auch der Marbacher Ableger läuft schon lange nicht mehr unter der Ägide Aigners.

Zuletzt hat Hermann Aigner noch versucht, seinen Betrieb an eine andere Buchhandlung zu verkaufen. Aber weder Osiander noch Hugendubel hätten Interesse gehabt. „Die sind alle der Meinung, dass sich in Ludwigsburg neben einer großen Buchhandlung in der Innenstadt und einer im Breuningerland keine weitere lohnt.“ An beiden Standorten ist Deutschlands größte Buchhandelskette Thalia vertreten. Die meldete gestern einen leicht gestiegenen Umsatz, allerdings nur aufgrund des gut laufenden Online-Geschäftes. Der Filialverkauf sei rückläufig.

Auch die Buchhandlung Aigner hat schon vor Jahren einen eigenen Onlinehandel aufgebaut. Der sei zwar gut gelaufen, sagt Hermann Aigner, habe aber die Verluste nicht auffangen können.

Die Ludwigsburger Buchhandelslandschaft blutet aus. Noch vor Jahren gab es fünf lokale Buchhandlungen in der Stadt. Das Schwarze Schaf existiert schon lange nicht mehr, und die Evangelische Buchhandlung musste ebenso überraschend aufgeben wie die Schubart-Buchhandlung. Nun also auch Aigner. Einzig die Mörike-Buchhandlung in der Seestraße trotzt dem Branchensterben.

„Mein Großvater hat zwei Weltkriege mitgemacht, die Buchhandlung hat immer überlebt“, sagt Aigner. Die Schließung sei jetzt, in ungleich friedlicheren Zeiten, nicht aufzuhalten gewesen. „Ich war kein guter Schüler, aber einen Satz aus dem Lateinunterricht habe ich behalten: tempora mutantur – die Zeiten ändern sich.“

Hermann Aigner ist die vierte Generation, die die Buchhandlung, die einst als Neubert’sche Buchhandlung gegründet und 1980 zur schönsten Buchhandlung Deutschlands gekürt wurde, geführt hat. Seine drei Kinder haben alle das Buchhändler-Handwerk gelernt, doch nur Sohn Peter (55) ist in der Firma aktiv. „Wir werden den Betrieb mit Ruhe und Bedacht auflösen. Dann erst werde ich entscheiden, wie es für mich persönlich weitergeht“, sagt er. Er schließt nicht aus, etwas mit Büchern zu machen, aber noch sei alles völlig offen. Hermann Aigner indes sondiert, was aus dem Haus mit den blauen Fensterläden geschehen soll. „Vermietung oder Verkauf, das wird sich zeigen.“ Sein Büro wird er räumen. Es war einst sein Kinderzimmer.

Juli a Essich-Föll
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