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Corona

„Das ist Wettbewerbsverzerrung“

Kein Verkauf im Geschäft, kein Abholservice: Einzelhändler sehen sich gegenüber Drogeriemarktketten unfair behandelt

Die Werbung im Fenster der Ludwigsburger Wilhelmgalerie zeigt es: Die Drogeriemarktkette Müller verkauft Spielwaren und darf das auch im Corona-Lockdown tun. Spielwarengeschäfte dagegen müssen geschlossen sein. Das ärgert Einzelhändler Nächstes Bild:
Die Werbung im Fenster der Ludwigsburger Wilhelmgalerie zeigt es: Die Drogeriemarktkette Müller verkauft Spielwaren und darf das auch im Corona-Lockdown tun. Spielwarengeschäfte dagegen müssen geschlossen sein. Das ärgert Einzelhändler Nächstes Bild: Silke Zinthäfner, die ihren Spielwarenladen im Lockdown geschlossen haben muss.. Foto: Ramona Theiss

Ludwigsburg. Momentaufnahmen aus der Zeit des Corona-Lockdowns: Im Drogeriemarkt Müller in der Ludwigsburger Wilhelmgalerie stauen sich Kunden im Spielwarenbereich. Die einen gehen mit Lego und einem Puzzle zur Kasse, die anderen mit einem Gesellschaftsspiel und einem kleinen Auto. Der Einlass wird beaufsichtigt, doch die in der Coronakrise wichtigen und vorgeschriebenen Abstände zu anderen Menschen können in den Gängen mit den Spielwaren nicht eingehalten werden – das war etwa an einem Tag kurz vor Weihnachten zu beobachten.

Wenige Hundert Meter von dieser Menschenansammlung entfernt, in der Solitudestraße: kein Kunde in und vor dem Laden Spiel+Freizeit Zinthäfner. Das Geschäft muss im Corona-Lockdown auf behördliche Anordnung geschlossen bleiben, darf dort also kein Spielzeug verkaufen. Auch einen Abholservice kann Inhaberin Silke Zinthäfner nicht anbieten; mit diesem seit Mitte Dezember geltenden Verbot (das von kommendem Montag an in Baden-Württemberg nicht mehr gelten soll) will die Landesregierung Warteschlangen und damit potenzielle Ansteckungsherde vermeiden. Die Drogeriemarktkette Müller aber schreibt auf ihrer Internetseite: „Zum aktuellen Stand können Sie weiterhin Artikel aus allen Kategorien in unserem Onlineshop bestellen und in der Filiale abholen.“

Drogeriemarktketten (mitunter auch Supermärkte) dürfen im Lockdown in ihren Geschäften Spielsachen, Parfüm, DVDs verkaufen und einen Abholservice anbieten. Einzelhändlern aber ist beides verboten – das ärgert Geschäftsinhaber, die in der Ludwigsburger Innenstadt das gleiche Warensortiment verkaufen. Silke Zinthäfner spricht von einer „Wettbewerbsverzerrung“ und einer „unfairen Regelung. Der stationäre Fachhandel wird hier stark benachteiligt. Für uns ist es schwer nachvollziehbar, nach welchen Kriterien stationäre Handelsflächen schließen müssen und andere mit gleichem Warensortiment weiter öffnen dürfen.“

Ziel des Lockdowns sei, Kontakte zu minimieren und große Ansammlungen zu verhindern, so Zinthäfner. Doch habe sie selbst beobachtet, wie der Spielwarenbereich bei Müller im Lockdown „aus allen Nähten geplatzt ist“. Kunden würden dort explizit Produkte kaufen, „die nicht in die Gruppe der Drogerieartikel fallen“.

Zinthäfner betreibt das seit 113 Jahren in der Solitudestraße ansässige Fachgeschäft in dritter Generation. „Wir zeichnen uns durch umfassende Beratung und direkten Kundenservice aus“, doch für das Verschicken von Ware – was Einzelhändlern im Lockdown erlaubt ist – fehle derzeit die Logistik. „Eine kontaktlose Übergabe im Freien wäre jederzeit möglich gewesen“, betont Zinthäfner. Das Abholservice-Verbot sei für sie und befreundete Einzelhändler „völlig überzogen“ gewesen.

Auch Annette Dobesch darf seit Wochen nicht das in ihrem Geschäft verkaufen, was zur gleichen Zeit bei Drogeriemärkten wie Müller über die Kassentheke geht. Diese Regelung findet die Leiterin der Filiale der Parfümerie Schuback am Ludwigsburger Schillerplatz „unerhört und unfair dem privaten Handel gegenüber“. Sie fordert, dass Drogeriemärkte Bereiche mit jenen Produkten absperren müssen, die Einzelhändler wegen der Zwangsschließung ihrer Geschäfte derzeit nicht verkaufen können – also Bereiche etwa mit Parfüms, Spielwaren und CDs.

Drogeriemarktketten wie Müller, dm und Rossmann bieten im Lockdown auch Fotoprodukte und -dienstleistungen an, während Fotogeschäfte laut Corona-Landesverordnung geschlossen haben müssen. „Es ist nicht in Ordnung, dass die Handelsriesen von der Krise profitieren und die lokalen, inhabergeführten Ladengeschäfte das Nachsehen haben“, sagt Julius Raether, Geschäftsführer des Familienbetriebs Fotoprofi (früher Hobbyfoto) in der Ludwigsburger Seestraße.

Er betont ausdrücklich, hinter den Maßnahmen zu stehen, mit der die Politik die Infektionszahlen senken will. Doch mit Details ist er nicht einverstanden. So sorge es unter Einzelhändlern für Unmut, „wenn große Filialisten nicht wie eigentlich vorgesehen nur Drogeriebedarf, sondern das ganze Sortiment weiter anbieten“. Auch Raether spricht von Wettbewerbsverzerrung: „Hier wird mit zweierlei Maß gemessen.“ Lücken in der Coronaverordnung würden so ausgenutzt und Vorgaben der Behörden ad absurdum geführt. In Drogeriemärkten „stehen die Leute dicht an dicht an den wenigen Terminals für Bilderbestellungen, während wir unsere Fachgeschäfte geschlossen halten müssen“. Eine sicherere Lösung wäre gewesen, in Fotogeschäften einige Annahmeterminals zu schließen, um Sicherheitsabstände zu gewährleisten. Zudem seien die Wochen um Weihnachten „die mit Abstand stärkste Umsatzzeit des Jahres für Bildprodukte“. Immerhin aber werde die kostenlose Online-Gestaltungssoftware für Fotobücher, Fotoabzüge und Wandbilder gut genutzt; so könnten Fachlaborprodukte, „die Drogeriemärkte in dieser Qualität nicht leisten können“, von zu Hause aus bestellt und per Post erhalten werden.

„Privat befürworte ich die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie“, sagt auch Jan Gallas, der das Fotostudio Gallas in der Ludwigsburger Kirchstraße führt. Doch litten vor allem kleine Einzelunternehmen wie Fotografen „sehr schwer“ unter der Krise; nach dem Lockdown im Frühjahr „fielen danach auch alle Aufträge zu Veranstaltungen wie Abibällen, Hochzeiten, und Schulfotografien weg“. Mit dem zweiten Lockdown sei dazu „das komplette Weihnachtsgeschäft“ weggebrochen.

Deshalb ärgert sich Gallas umso mehr darüber, dass Drogeriemarktketten im Corona-Lockdown auch ihre Fotobereiche geöffnet haben dürfen. Während die zugesagten Ausgleichszahlungen des Staates etwa für Einzelhändler „in Höhe und Zugang unzureichend sind, haben größere Ketten wie Müller und dm kaum oder keine Einschränkungen. Sie können einfache Ersatzleistungen anbieten, deren Umsatz uns Fotografen so leider verloren geht“, sagt Gallas. Das sei „eine große Benachteiligung für alle von der Schließung betroffenen Selbstständigen, die die Verluste von ihrem eigenen Ersparten auffangen müssen“. Viele seien in ihrer beruflichen Existenz bedroht, hinzu komme eine unsichere Zukunft „und damit verbunden eine starke psychische Belastung“.

Was die Drogeriemarktketten sagen (und was nicht):

Einzelhändler sind verärgert darüber, dass sie im Lockdown ihre Geschäfte schließen müssen, während Drogeriemarktketten wie Müller, dm und Rossmann Waren aus dem gleichen Sortiment in ihren Filialen verkaufen dürfen und dies auch nutzen.

- Christoph Werner, Vorsitzender der Geschäftsführung von dm-drogerie markt mit Sitz in Karlsruhe, sagt auf Nachfrage dazu: „Wir bei dm haben Verständnis dafür, dass durch die Verordnung geschlossene Einzelhändler sich ungerecht behandelt fühlen. Um genau dies zu berücksichtigen, hat die Landesregierung den betroffenen Händlern Ausgleichszahlungen zugesagt, die den wirtschaftlichen Nachteil ausgleichen sollen.“ Werner weiter: In der Coronaverordnung des Landes sei geregelt, welche Einzelhändler geöffnet bleiben dürfen und welche nicht. „In dieser Verordnung ist auch geregelt, unter welchen Voraussetzungen der Verkauf von Sortimentsteilen möglich ist, die nicht unmittelbar zu Waren des täglichen Bedarfs zählen“, so Werner. Die Landesregierung habe bei der Formulierung der Verordnung versucht, pragmatisch vorzugehen. Werner: „Bei der Frage nach der Gerechtigkeit, welche Einzelhändler geöffnet bleiben dürfen und wer was verkaufen darf, sollte auch nicht vergessen werden, dass online ohne Beschränkungen alle Sortimente weiterhin verkauft werden dürfen.“

- Die Pressestelle der Drogeriemarktkette Müller mit Sitz in Ulm teilt mit: „Natürlich verstehen wir den Unmut der Einzelhändler beziehungsweise können diesen nachvollziehen.“ Müller handle nach dem vorgeschriebenen Schwerpunktprinzip. „Dort heißt es: ,Kein Verbot, wenn der erlaubte Sortimentsteil überwiegt (Schwerpunktprinzip); diese Betriebe sollen alle Sortimente vertreiben können, die sie gewöhnlich auch verkaufen.‘ Häuser, die dieses Schwerpunktprinzip nicht erfüllen, schließen Teilsortimente entsprechend der behördlichen Anordnungen.“

- Rossmann hat auf zwei LKZ-Anfragen nicht geantwortet. (wd)

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