Ludwigsburg. Im Gespräch auf der „News Couch“ der LKZ erinnert sich LKA-Präsident Andreas Stenger an einen der prägendsten Fälle seiner Karriere: den Mord an einer 19-jährigen Studentin in Freiburg. Die Ermittler fanden ein entscheidendes Täterhaar in einer Brombeerhecke – ein „forensisches Meisterstück“, wie Stenger sagt. Der Fall berührte ihn auch persönlich tief.
Emotional belastend sind für die Beamtinnen und Beamten auch Angriffe auf Kolleginnen und Kollegen – zuletzt der tödliche Angriff auf Polizist Rouven Laur in Mannheim. Das LKA setzt dabei auf psychosoziale Betreuung, Debriefings und offene Gespräche. „Man muss der Betroffenheit Raum geben“, so Stenger.
Sicherheitsgefühl, Stadtbild und Respektverlust
Die Debatte über Kriminalität im öffentlichen Raum werde häufig emotional geführt, sagt Stenger. Viele Menschen nähmen Verschmutzung, Vandalismus oder schlecht beleuchtete Plätze als Bedrohung wahr. „Das subjektive Sicherheitsgefühl ist ein Konglomerat aus vielen Faktoren.“
Auch der Umgangston habe sich verändert. Respektlosigkeiten gegenüber Polizei und Rettungskräften nähmen zu. Häufig spielten dabei Alkohol, Gruppendynamik oder falsche Erwartungshaltungen eine Rolle. Trotzdem betont Stenger: „Es gibt wenige Berufe, in denen man so viele positive Rückmeldungen bekommt.“
Mafia im Südwesten: unauffällig, aber gefährlich
Baden-Württemberg gilt als Hochburg der ‚Ndrangheta. Gründe seien eine große italienische Community, wirtschaftliche Stärke und die Nähe zu Italien. Die Mafia sei heute viel breiter aufgestellt als das Klischee von Pizzeria und Eisdiele. Besonders attraktiv seien Bau- und Immobiliensektor sowie andere Bereiche, in denen große Geldsummen umgesetzt werden.
Stenger beschreibt ein Beispiel aus Mannheim: Ein beliebter Pizzabetreiber entpuppte sich als Mafia-Statthalter. Genau darin liege die Gefahr – die Kriminellen wollten unauffällig agieren, „unterhalb des Radars“. Schutzgelderpressung finde heute subtil statt: überteuerte Waren, die aus Angst gekauft werden, statt eingeschlagener Scheiben.
Internationale Kriminalität und agile Polizeiarbeit
Organisierte Kriminalität sei heute global und digital, so Stenger. 70 Prozent der OK-Fälle seien international und über Ländergrenzen hinweg. Das LKA setzt daher auf spezialisierte Einheiten, internationale Ermittlungsgruppen und multidisziplinäre Teams.
Auch Cybercrime nehme dramatisch zu: „Wir haben es mit kriminellen Firmengeflechten zu tun“, erklärt Stenger. Ransomware-Angriffe, Identitätsdiebstahl und digitale Erpressung verursachten Schäden in Millionenhöhe – auch in Baden-Württemberg. Viele Angriffe kämen nie zur Anzeige. Stenger warnt ausdrücklich vor Nachlässigkeit: „Ein Passwort 1-8 – das ist wie die Haustür offenstehen zu lassen.“
Vertrauen in den Staat und neue Gewaltphänomene
Korruptionsvorwürfe gegen Behördenmitarbeiter – wie zuletzt in Stuttgart – seien hochgefährlich für die Glaubwürdigkeit staatlicher Institutionen, sagt Stenger, ohne auf den aktuellen Fall eingehen zu wollen. Die Polizei reagiere hier „konsequent und transparent“, betont Stenger. Compliance-Strukturen und Hinweisstellen sollen Korruption verhindern.
Neue Formen organisierter Gewalt beschäftigt die Ermittler ebenfalls: etwa Auftragsgewalt oder sogenannte „Violence as a Service“. Auch bei Konflikten rivalisierender Gruppen im Land greife die Polizei mit großem Ressourcenaufwand ein.
Persönlicher Antrieb
Trotz Konfrontation mit Gewalt und menschlichen Abgründen bleibt Stenger optimistisch. Sport, internationale Zusammenarbeit und technische Herausforderungen seien für ihn wichtige Kraftquellen – und die Überzeugung, dass Polizei und Gesellschaft zusammenwirken können: „Wir leisten einen ganz wichtigen Dienst.“



