Geschäftsführerin AWO Ludwigsburg gGmbH
Leicht war der Berufseinstieg nie, aber für manche Berufsgruppen wird es immer schwieriger, einen Einstieg zu finden. Und das liegt auch an KI. Der Personaldienstleister Randstand hat weltweit 91,5 Millionen Stellenanzeigen im Zeitraum von Januar 2024 bis Mai 2025 ausgewertet und stellte einen Rückgang um 30 Prozent bei Stellen für Bewerber*innen mit null bis zwei Jahren Berufserfahrung fest. Betroffen sind besonders die Sektoren Tech und Finanzen: Finanzanalyse (-42 Prozent), Maschinenbau (-42 Prozent), aber auch Logistik (-36 Prozent) und Software-Entwicklung (-32 Prozent) sind bereits massiv betroffen.
Nehmen wir das Beispiel der Software-Entwicklung: Eher einfache Tätigkeiten, die bislang von Junior-Entwickler*innen übernommen wurden, werden von der KI erledigt. Softwarecode zu generieren, ist schon heute kein Problem mehr. Diese Stellen können also theoretisch bereits jetzt eingespart werden – zumindest kurzfristig. Was es weiterhin braucht, sind erfahrene Programmierer*innen, um den generierten Code zu bewerten. Sie könnten sich zukünftig stärker auf Architektur und komplexe Zusammenhänge konzentrieren. Für Unternehmen klingt das gut, oder?
Die Frage ist nur: Wie sammeln Berufseinsteiger*innen dann genügend Erfahrungen, um später Senior-Entwickler*innen zu werden? Verschärft sich dadurch nicht in einigen Jahren das Fachkräfte-Problem massiv, wenn immer mehr beruflich erfahrene Babyboomer in Rente gehen? Und ist KI wirklich günstiger, als eine/n Mitarbeiter*in zu bezahlen?
Derzeit machen KI-Unternehmen wie OpenAI riesige Umsätze, verbrennen aber gleichzeitig Geld. Im ersten Quartal 2026 verlor beispielsweise OpenAI pro Dollar Umsatz 1,22 Dollar – weil unter anderem die enorme Rechenleistung gigantische Ressourcen verschlingt. Das Unternehmen erwartet wirkliche Gewinne erst 2029 oder 2030. Natürlich werden die Prozesse effizienter werden, aber das bedeutet auch, dass Kosten immer stärker auf Unternehmen umgelegt werden. Abgerechnet wird über sogenannte Token. Das sind Texteinheiten, beispielsweise Wortteile, Wörter oder Satzstücke. Bei jeder Anfrage fallen Kosten an, bei komplexen Anfragen sind diese entsprechend höher. So können schnell enorme Rechnungen entstehen, die nicht wie das Gehalt von Mitarbeiter*innen monatlich gleichbleiben.
Die Sozialwirtschaft ist weniger stark betroffen. In der Kita, Pflegeheimen oder der sozialpädagogischen Familienhilfe lässt sich die Arbeit von Berufseinsteiger*innen nicht einfach durch KI ersetzen. Auch zukünftig werden hier Auszubildende gebraucht, die Jobs laufen nicht Gefahr, ersetzt zu werden. Das macht die Sozialwirtschaft attraktiver und zukunftssicher für junge Menschen.
Tatsächlich konnten die Stellen im Bereich Erziehung und Pflege in diesem Jahr deutlich früher besetzt werden. Einige Kurzentschlossene finden vielleicht auch noch eine Stelle, aber viele Träger haben den Bewerbungsprozess in diesem Jahr bereits beendet. Die Schulen melden ebenfalls volle Klassen. Mehr Jugendliche als in den Jahren zuvor gibt es vermutlich nicht. Aber die Sozialwirtschaft wird wieder attraktiver als Arbeitgeber. Liegt das jetzt daran, dass durch den Einsatz von KI nur die Sozialwirtschaft bleibt, da der Einsatz dort zwar sinnvoll ist, aber nicht direkt ganze Jobs ersetzt? Ich vermute, das könnte ein Aspekt sein. Sicher gibt es noch mehr Einflüsse, die dazu kommen. Personalabbau in der Industrie, politische Lage und sicher einiges mehr.
Wir als Gesamtgesellschaft müssen diese Entwicklungen aufmerksam verfolgen. Wir brauchen Innovationen, aber sie müssen auch der Gesellschaft und vor allem den Menschen dienen. Was nutzt ein großes Zukunftsversprechen, wenn es bedeutet, dass Arbeitsplätze und zukünftige Fachkräfte gegen die Abhängigkeit von amerikanischen IT-Unternehmen getauscht werden?
