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Tabea Alt

Leidenschaft fürs Turnen ist ungebrochen

Die Weltmeisterschaften in Stuttgart wird Turnerin Tabea Alt verpassen, 19 Monate fällt sie jetzt schon verletzt aus. Trotzdem lässt die Ludwigsburgerin sich nicht unterkriegen und bleibt positiv.

Stippvisite auf dem Ludwigsburger Marktplatz: Tabea Alt versucht aus ihrer langen Leidenszeit das Beste zu machen. Foto: Patrick Nägele
Stippvisite auf dem Ludwigsburger Marktplatz: Tabea Alt versucht aus ihrer langen Leidenszeit das Beste zu machen. Foto: Patrick Nägele

Ludwigsburg. Spontan in die Stadt gehen, einen Kaffee trinken, Freunde treffen oder Zeit für die Familie haben, das klingt wie eine ganz normale Freizeit für junge Frauen nach der Schule. So sieht momentan auch die Freizeit von Tabea Alt aus. Allerdings ist es für sie etwas völlig Neues, eigentlich ein ganz anderes Leben. Und eigentlich würde die für den MTV Stuttgart startende Ludwigsburgerin lieber den ganzen Tag zum Training nutzen. „Einmal wie ein Profi trainieren, ohne Schule und andere Aufgaben“, doch ihr Körper lässt dieses Training nicht zu. Zu groß sind die Schmerzen.

Nach knapp eineinhalb Jahren Pause durch ihre Verletzung an der Schulter fühlte sich Tabea Alt im März endlich wieder richtig gut, startete im Stuttgarter Kunst-Turn-Forum ins intensive Training an den Turngeräten. „Die Schulter hat sich super angefühlt, ich habe sogar wieder erste Riesenfelgen geturnt“, berichtet sie. Der Schulter geht es auch jetzt gut, „es ist alles sehr gut verheilt, so wie es sich die Ärzte vorgestellt haben.“ Und das war bei der Schwere der Verletzung nicht abzusehen. Aktuell ist es der Rücken, der ein Training auf Hochleistungssport-Niveau nicht zulässt. „Selbst Joggen und langes Sitzen oder Stehen bereitet mir Schmerzen“, erzählt die 19-Jährige.

Aus diesem Grund entschied sie sich Anfang Juni eine Profilierungstherapie zu starten, um die Schmerzen in den Griff zu bekommen, „damit ich endlich wieder schmerzfrei Sport machen kann“. Da die Therapie auf drei Monate angesetzt, bedeutete dies das Aus für die Weltmeisterschaften in diesem Jahr. Ausgerechnet die Weltmeisterschaften in Stuttgart, direkt neben ihrer Trainingshalle. „Ich wusste erstmal überhaupt nicht, was ich machen soll. Ich habe die Schmerzen schon so lange und hätte nicht gedacht, dass ich deshalb komplett aus der Belastung raus muss. Die Entscheidung war sehr schwer. Die Heim-WM war das Ziel der vergangenen Jahre, das Ziel, das ich die ganze Zeit verfolgt habe und der Grund, warum ich mich an der Schulter operiert habe lassen. Es ist schon nicht leicht“, gibt die Ludwigsburgerin zu.

Die Schmerzen begleiten Tabea Alt täglich. Schon während der Reha nach der Schulter-OP hat sie ihren Rücken im Lendenwirbelbereich gespürt. Als sie das Training wieder startete, waren die Schmerzen so groß, „dass ich einfach nicht trainieren konnte“, so Alt. Nach unzähligen Arztbesuchen ist der Grund für die Schmerzen erkannt, die Therapie soll helfen. Das alles in einer Zeit, in der sie sich auf das mündliche Abitur vorbereiten musste: „Das hat noch einmal zusätzlich belastet. Meine letzten eineinhalb Schuljahre waren geprägt von Verletzungen und definitiv keine einfache Zeit. Ich war trotzdem gut in der Schule und habe das Beste daraus gemacht.“

In der Reha-Welt des VfB Stuttgart ist die WM-Bronze-Medaillengewinnerin am Schwebebalken schon lange Stammgast, in der Turnhalle ist sie aber momentan nicht zu finden. „Ich brauche einen gewissen Abstand, es ist für den Kopf unheimlich schwer“, sagt sie. Ihr Lachen hat sie deshalb trotzdem nicht verloren: „Mittlerweile denke ich für meinen Körper und für die Gesundheit. Ich werde nie mehr die Grenzen dafür überschreiten, wie es 2016/2017 der Fall war. Ich möchte gesund und schmerzfrei sein, das hat oberste Priorität. Wenn ich das so sehe, dann ist der Schmerz, den ich durch die verpasste WM habe, nicht mehr so groß.“

Die viele Freizeit ist für die frischgebackene Abiturientin noch etwas ungewohnt, ihre Pläne für die Zukunft hat die mehrmalige deutsche Jugendmeisterin aber schon parat: „Ich habe mich genauer über ein Medizinstudium informiert, möchte dazu im Herbst einige Praktika in Kliniken und Krankenhäusern machen.“ Im Herbst 2020 soll es mit dem Studium losgehen. Und eine Fortsetzung der Turnkarriere? „Im Oktober wird sich zeigen, ob die Therapie angeschlagen hat. Die Olympischen Spiele in Tokio 2020 sind natürlich im Kopf, aber das ist selbst ohne gesundheitliche Einschränkungen schwer zu erreichen. Ich bin ja seit zwei Jahren raus aus dem Leistungssport.“

Mit WM-Bronze und der Olympia-Teilnahme in Rio hat Tabea Alt „schon alles erreicht, was ich in meiner Turnkarriere erreichen kann.“ Deshalb ist eine Rückkehr auf die große Turnbühne für sie nur dann möglich, wenn die Gesundheit es mitmacht. „Mein Körper und meine Gesundheit stehen an oberster Stelle. Wenn ich wieder turnen sollte, dann weil es meine Leidenschaft ist und weil es ein unbeschreibliches Gefühl ist, all diese Bewegungen auszuführen“.

Bei der WM Anfang Oktober in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle wird sie trotzdem dabei sein, in welcher Rolle ist allerdings noch unklar. Bis dahin will sie die freie Zeit genießen, auch wenn es für sie „ein gezwungenes Genießen“ ist. Den anstehenden Urlaub wird sie viel mehr genießen können als früher, wo sie „im Urlaub einfach platt und müde war.“

Durch die schwere Zeit hat Tabea Alt eine große persönliche Entwicklung gemacht, „ich bin persönlich sicher gereift, das ist schön zu erkennen“, sagt sie Bleibt zu hoffen, dass sie Krankenhäuser und Kliniken bald nur noch im weißen Kittel betreten wird.

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