Logo

Festival

Kulturfestival: Das Franck-Areal wird zum „Neuland“

Das Franck-Areal öffnet seine Tore: „Neuland“ heißt das dreitägige Festival mit urbaner Kunst und morbidem Charme. Der Blick soll in die Zukunft schweifen – doch deutet wenig darauf hin, dass die alten Gemäuer dauerhaft der Kultur dienen.

Kunst im – jetzt wieder – öffentlichen Raum: Die Rauminstallation „Timekeeper“ der Künstler Javiera Advis, Thora Gerstner und Achim Sauter sowie der Kunstschule Labyrinth ist eine von zahlreichen spannenden künstlerischen Interaktionen beim „Neuland“
Kunst im – jetzt wieder – öffentlichen Raum: Die Rauminstallation „Timekeeper“ der Künstler Javiera Advis, Thora Gerstner und Achim Sauter sowie der Kunstschule Labyrinth ist eine von zahlreichen spannenden künstlerischen Interaktionen beim „Neuland“-Festival auf dem Franck-Areal, dem ehemaligen Nestlé-Werk. Foto: Ramona Theiss

Ludwigsburg. Bitte bloß nicht aufräumen! Das Franck-Areal an der Westseite des Bahnhofs wird fast schon wie ein Tatort behandelt. Kosmetische Eingriffe sind weitgehend tabu, es soll von den Besuchern nächste Woche schließlich genau so vorgefunden werden, wie es aktuell ist. Als einigermaßen charmant vor sich hinbröselndes Industriegebäude – garniert mit Kunst. Daraus ergeben sich viele spannende Kontraste und Widersprüche, aber auch einige Fragen, etwa: Was soll daraus in den nächsten Jahren werden?

350_0008_2769771_13_09_2021Theiss_41
Bildergalerien

Eindrücke vom Kulturfestival "Neuland"

Das Festival „Neuland“, das vom 24. bis 26. September stattfindet, sucht nach Antworten und übt den Spagat. Es soll die kreativen Möglichkeiten des riesigen leerstehenden Komplexes ergründen, ist zugleich aber auch eine Form der Vergangenheitsbewältigung. Schließlich war es ein herber Schlag für die über 80 Beschäftigten an diesem Standort des Nestlé-Konzerns, die Ende 2018 ihren Job verloren. Und auch der durchaus ein wenig polarisierende Geruch von Caro-Kaffee, den die Produktionsstätte verströmte, gehörte einst zur Barockstadt wie der Pizzaduft zu Neapel.

Das Areal, mittlerweile in städtischem Besitz, ist eine Wunde, die nun langsam heilen soll. Das Bahnhofsquartier biete eine „Entwicklungschance“ für die Stadt, betont Oberbürgermeister Matthias Knecht beim Pressegespräch. Von Konzerten über Sportklettern bis hin zu Coworking-Spaces, also offenen Büros – vieles könne er sich vorstellen. Und Philip Kurz, Geschäftsführer der Wüstenrot-Stiftung, die das Projekt gemeinsam mit der Stadt ins Leben gerufen hat und mit einem Betrag in sechsstelliger Höhe maßgeblich finanziert, ergänzt: „Wir suchen Ideen für die Zukunft, für einen Ort, der den Leuten etwas nützt und die Stadt besser macht.“

Die Besucher an den drei Tagen sollen – bei freiem Eintritt –nicht einfach nur dabei sein, sondern sie können selbst ein Teil des Projekts werden, einen eigenen Beitrag leisten, indem sie an den zahlreichen Angeboten rund um Kunst, Kultur und Stadtplanung mitwirken. Die Rückmeldungen auf die Angebote sollen dokumentiert werden. Beteiligt sind neben den drei Künstlerinnen Ines Fiegert, Sarah Degenhardt und Karima Klasen, die über einen öffentlichen Aufruf unter 40 Bewerbungen ausgewählt wurden, auch zahlreiche Kulturinstitutionen aus Ludwigsburg und der Region wie die Akademie für Darstellende Kunst, die Filmakademie, Kinokult, die Kunstschule Labyrinth, das Ludwigsburg-Museum und das Haus des Dokumentarfilms sowie Studio Malta.

Die Kunst ist eine Brücke in eine noch offene Zukunft

Im Erdgeschoss und im Außenbereich kann man sich als Besucher an den drei Festival-Tagen weitgehend frei bewegen. Atemberaubend sind viele der sicherlich um die 20 Meter hohen Räumlichkeiten, in denen früher die Rohstoffe für den Malzkaffee gelagert wurden. Im vorderen Durchgang zwischen den Gebäuden, der „Neulandstraße“, zeigt Ines Fiegert ihre Installation „Blast from the Past“, ein riesiges, filigranes Netz aus gelben Nylonschnüren, das beim Berühren Klänge erzeugen soll, wenn es fertig ist. Im ehemaligen Rohstofflager, einem kühlen, etwas feucht riechenden Raum, wird das Projekt „Timekeeper“ der Künstler Javiera Advis, Thora Gerstner und Achim Sauter sowie der Kunstschule Labyrinth präsentiert, ein „labyrinthischer Raum im Raum“ aus Kreppbändern in schrillen Farben. Daneben die „Big Bags“ von Achim Sauter, große Beutel, wie sie schon zur „Caro“-Produktion genutzt wurden – die hier nun spielerisch verwendet werden können. Und Verena Marisa spielt auf dem Theremin, einem elektronischen Musikinstrument, das berührungslos Töne erzeugt. Die „Nomadische Recherche“ von Theaterakademie und Filmakademie erkundet das Wartungshäuschen, die Sprühtrockenanlagen und Leitstände, eine Mischung aus Installation und Performance. Dazu gehören auch die sieben Schaukeln („Schwerepunkte“), die im ehemaligen Rohstoff- und Fertiggutlager Licht und Geräusche erzeugen.

Dass das Franck-Areal eines Tages dauerhaft von der Kulturszene bespielt werden könnte, ist eher nicht so wahrscheinlich, das klingt zwischen den Zeilen immer wieder durch. Zu groß sind wohl die baulichen und damit generell finanziellen Unwägbarkeiten. Die Kunst ist zunächst eine Brücke in eine noch offene Zukunft – ein erster Schritt, nicht mehr und nicht weniger. Aber in jedem Fall ein spannender.

Internet: www.ludwigsburg.de/neuland

Autor: