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Stolpersteine: Tägliche Mahnung für Nächstenliebe

Gunter Demnig verlegt den achten Stein in Besigheim – Erinnerung an Frida Dippon – Neuapostolische Kirchengemeinde übernimmt die Patenschaft

Gunter Demnig verlegt den Stolperstein für Frida Dippon, im Hintergrund singt der Gemeindechor der neuapostolischen Kirche. Foto: Alfred Drossel
Gunter Demnig verlegt den Stolperstein für Frida Dippon, im Hintergrund singt der Gemeindechor der neuapostolischen Kirche. Foto: Alfred Drossel

Besigheim. Feierliche Atmosphäre vor der neuapostolischen Kirche in Besigheim: „Jesu Friede sei mit allen“, singt der Gemeindechor, doch die Blicke der Zuhörer sind weniger auf die Sänger gerichtet als vielmehr auf den Mann, der vor ihnen auf dem Boden kniet: Mit routinierten Handgriffen setzt Gunter Demnig in die vom Bauhof vorbereitete Stelle im Pflaster vor der Kirche einen seiner Stolpersteine ein. Er ist für Frida Dippon, die der neuapostolischen Kirche angehörte und einst dort in der Ulrichstraße 3 wohnte – bis sie 1927 in die Staatliche Heilanstalt Weinsberg eingewiesen wurde (wir berichteten).

Bereits im Jahr zuvor war die Ehefrau und Mutter von zwei kleinen Kindern in der Universitätsklinik für Gemüts- und Nervenkrankheiten in Tübingen gewesen, aber dann wieder nach Hause entlassen worden. Doch von ihrem zweiten Aufenthalt in einer Psychiatrie sollte sie nicht mehr zurückkehren. Am 25. Januar 1940 brachte man sie in die Landespflegeanstalt Grafeneck zusammen mit 47 weiteren Frauen. Für Frida Dippon war der Tag ihrer Ankunft zugleich ihr Todestag. Zusammen mit den anderen Frauen wurde sie vergast.

Keine großen Worte

Nachdem der Chorgesang verstummt, ist nur noch das metallische Kratzen von Demnigs Kelle auf dem Pflaster zu hören, mit der er den Bronzestein zementiert. Demnig erledigt wie immer seine Arbeit in Bescheidenheit, schaut nicht auf, macht keine großen Worte. Es ist der achte Stolperstein, den der Künstler auf Initiative von Margit Stäbler-Nicolai in Besigheim setzt. Insgesamt hat Demnig seit der ersten Aktion dieser Art im Jahr 1992 bereits rund 73.000 Stolpersteine in 26 Ländern in Europa verlegt. Ist das Projekt für ihn zum Lebensinhalt geworden, will Dominik Floer von Demnig wissen. „Das kann man so sagen“, antwortet der Künstler dem Leiter der neuapostolischen Gemeinde in Besigheim, die die Patenschaft für den Stolperstein für Frida Dippon übernimmt.

Demnig sorgt dafür, dass ihr Schicksal und das vieler anderer NS-Opfer nicht in Vergessenheit gerät. „Der Stolperstein vor der Kirche wird uns immer wieder aus dem Tritt bringen“, sagt Gemeindeleiter Floer in seiner Ansprache. Eine „tägliche Mahnung, die Nächstenliebe in den Vordergrund zu stellen“, werde er sein. Ganz so wie es Jesus Christus getan habe, der auf Leprakranke, eine verurteilte Ehebrecherin und Zöllner zugegangen sei. „Seine Mission war es, nicht auszugrenzen, sondern zu integrieren.“ Doch auch heute noch sei Diskriminierung ein Problem. So habe er beim kirchlichen Jugendtag von einem zum christlichen Glauben übergetretenen Iraner erfahren, der aus seinem Heimatland fliehen musste, weil ihm dort Folter gedroht habe.

Kultur habe sich gewandelt

„Aber auch in Deutschland hat sich die Kultur gegenüber Andersdenkenden gewandelt und das nicht zum Positiven“, betont Besigheims Bürgermeister Steffen Bühler. Dadurch habe sich die Perspektive, mit der man auf die Stolpersteine schaue, gewandelt. Früher habe man durch sie auf Ereignisse in der Vergangenheit geblickt. „Sie mahnten für das, was passiert ist. Jetzt tun sie es auch in Richtung Gegenwart.“

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