Ludwigsburg. „Ein Leben zwischen Politik und Wirtschaft“ heißt die Biografie über Matthias Wissmann, die der Springer Nature Verlag im April veröffentlicht hat. In dem Buch blickt der ehemalige Bundesverkehrsminister auf sein politisches Wirken zurück, aber auch auf seine Vergangenheit als Präsident des Verbands der Automobilindustrie. Bei der Veranstaltungsreihe „LKZ-Impulse“ beleuchtet Wissmann am Montagabend im Cicero-Saal unseres Verlagsgebäudes die Anfänge seiner politischen Karriere und betrachtet im Gespräch mit Chefredakteurin Ulrike Trampus auf der LKZ-Newscouch aktuelle politische Entwicklungen. Ebenfalls auf dem Podium: Ministerialrat Martin Grosch aus Eltville, der mit dem Vorschlag für eine Biografie an den gebürtigen Ludwigsburger herangetreten war und diese nach zahlreichen Besuchen im Ländle zu Papier brachte, sowie Ex-Ministerpräsident Günther Oettinger, einer seiner langjährigen politischen Wegbegleiter.
Die beiden CDU-Urgesteine kennen sich seit den 70er Jahren, erinnert sich Wissmann. Damals machten sie gemeinsame Sache im Wahlkampf, verteilten an Werktoren von Ditzinger und Gerlinger Unternehmen Flugblätter an Arbeiter. Als er Oettinger um 5.45 Uhr am elterlichen Wohnhaus in Ditzingen abholen wollte, habe er vor verschlossenen Türen gestanden. Irgendwie gelang es ihm, den verschlafenen Parteifreund zu aktivieren. Nach kurzer Orientierungslosigkeit sei Oettinger einsatzbereit gewesen und habe dann voll durchgezogen. Der Wahlkampf sei nicht gerade sein politisches Steckenpferd, räumt Wissmann ein. Drei oder vier Mal in der Woche am Werktor zu stehen, sei nicht jedermanns Sache, „trotzdem hatte ich viele tolle Begegnungen in Wahlkampfzeiten“.
Oettinger, der Après-Skifahrer
Beide sollten einen kometenhaften Aufstieg in der CDU aufs Parkett legen. Den Kontakt haben sie nie verloren, kennen sich von unzähligen politischen Treffen sowie gemeinsamen Tagesausflügen und Kurzurlauben. Oder Skiausfahrten. Mitunter packte die beiden der Ehrgeiz, dann lieferten sie sich erbitterte Abfahrts-Duelle in alpinem Umfeld. „Ich bin der bessere Après-Ski-Fahrer“, sagt Oettinger, der Wissmann genau kennt. Etwa dessen Abneigung gegen Zug und Kälte. „Niemand hat so viele Schals wie er“, wundert sich der frühere Landesvater, „noch im Mai trägt er lange Unterhosen“. Wissmann sei ein Mensch, der gerne über größere Zusammenhänge nachdenke, aber er könne auch bei einem Viertele abschalten. „Leider trinkt er keinen Trollinger“, bedauert Oetttinger.
Start als Schülersprecher
Autor Grosch liest Auszüge aus der Biografie, unter anderem über Wissmanns Engagement am Friedrich-Schiller-Gymnasium. Der Schulbäcker hatte in einem Jahr gleich zum zweiten Mal die Brezelpreise erhöht, die Schüler waren empört. Wissmann setzte sich an die Spitze des Protests. Mit vereinten Kräften gelang es, die zweite Preiserhöhung rückgängig zu machen. Zudem habe Wissmann gemeinsam mit anderen Schülern einen Lehrer dazu gebracht, seinen Frontal- auf Gruppenunterricht umzustellen, das habe damals fast revolutionären Charakter gehabt. Nach dieser Aktion wurde er zum Schülersprecher gewählt.

Aus Groschs Sicht verdeutlichen solche Anekdoten Wissmanns Bereitschaft, sich für die Allgemeinheit einzusetzen und dabei in seiner Gruppe eine gehobene Position einzunehmen: „Das sind nicht die schlechtesten Voraussetzungen für einen Politiker.“
„Wir sind ein Sanierungsfall“
Als Chefredakteurin Trampus den Fokus auf die aktuelle Wirtschaftslage lenkt, zeigen sich die CDU-Altvorderen resigniert. „Deutschland hat sechs Jahre Stagnation, Rezession und Inflation hinter sich“, sagt Oettinger. „Wir sind ein Sanierungsfall.“ Wissmann sieht den Schlüssel zum Erfolg in der Unterstützung mittelständischer Unternehmen. „Wir haben in Deutschland fast 700.000 mittelständische Unternehmen mit 50 und mehr Beschäftigten. Zum Vergleich: In Frankreich sind es gerade mal 70.000.“ Der durch Bürokratie und Steuern überlastete Mittelstand müsse jetzt gestärkt werden. Wissmann: „Wenn diese Unternehmen abwandern, hat dieses Land noch ganz andere Probleme.“



