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Polizei sieht keine erhöhte Aggressivität auf der Straße

Männer gehen aufeinander los, schlagen aufeinander ein, attackieren sich mit Messern oder Pfefferspray – kommt es in Ludwigsburg vermehrt zu solchen Fällen? Keinesfalls, sagt die Polizei und verweist auf erfolgreiche Maßnahmen und Ermittlungsgruppen gegen gezielte Gruppengewalt.

Foto: Holm Wolschendorf
Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Der subjektiven Einschätzung, es komme derzeit zu mehr Gewalt auf der Straße, widerspricht Thomas Reimold vehement. „Es ist dieses Jahr völlig unauffällig“, sagt der stellvertretende Leiter des Polizeireviers Ludwigsburg – mit einem Unterschied zu 2020, als die Kriminalitätsstatistik mit 5405 Straftaten weiter sinkende Zahlen zeigte: Denn die Coronalockerungen sorgen 2021 auch für vollere Kneipen und Plätze. Die Polizei sei – auch mit Landeskräften – sehr präsent, so Reimold, „und das nicht nur in Uniform. Wir haben ein ganzes Maßnahmenbündel.“

„Keine kriminellen Schwerpunkte“

Dies umfasst nicht nur vermehrt Streifen an Bahnhof, Akademiehof, Marstall-Umgebung oder auch mal Bärenwiese, sondern auch ein wachsames Auge. Wie Revierleiter Christian Zacherle bei der Vorstellung der Kriminalstatistik für 2020 betonte, gebe es keine kriminellen Brennpunkte. Stefan Hermann, Sprecher im Polizeipräsidium, hat Verständnis für die Reaktionen der Bürger, aber: „Wir reagieren entsprechend.“

Hilfe für psychisch Kranke

Auch, wenn es etwa am Bahnhof kritisch wird. Wie Thomas Reimold erläutert, komme hier im Verbund mit Drogen, Alkohol und gebrochenen Biografien auch häufig das Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz zum Tragen (siehe 6. Juli). Dies ist die Rechtsgrundlage dafür, Menschen mit psychischen Auffälligkeiten den Ärzten (Station für akute psychische Störungen mit Eigengefährdung) vorzustellen, die diese nötigenfalls einweisen.

Inhaltliche Ermittlungen fänden im Verborgenen statt, sagt Stefan Hermann. „Wir hängen das nicht an die große Glocke. Schneller Aktionismus bringt da nichts.“ Denn da gibt es auch die gezielte Kriminalität, Ludwigsburg war zudem Schauplatz verschiedener Bandenkriege. Kripo und Polizei waren erfolgreich, eine Gruppe Jugendlicher dingfest zu machen, die sich zu Gewalttaten und Raub verabredet hatten. Die Ermittlungsgruppe „Central“ hatte im Juli mit Razzien und Festnahmen vollzogen. Auch die Ermittlungsgruppe „Arsenal“ war Anfang Juni mit der Verhaftung eines 16-Jährigen schnell am Ziel. Reimold macht es kurz: „Wir sind permanent im Einsatz.“

12. April: Am Montagabend wird ein 14-Jähriger am Arsenalplatz nach einem Streit zweier Gruppen durch einen Messerstich in den Rücken schwer verletzt. Kurze Zeit später werden drei Verdächtige von 14 bis 16 festgenommen, ein 16-Jähriger kommt in Untersuchungshaft.

Im Mai wird die Ermittlungsgruppe „Central“ gegründet. Die schlägt am 1. Juli zu, durchsucht Wohnungen in Ludwigsburg, Markgröningen, Bietigheim-Bissingen und Remseck und definiert rund 20 Jugendliche mit unterschiedlicher Nationalität und Migrationshintergrund, fünf sitzen in Untersuchungshaft. Die Jugendlichen sollen sich im Februar unter dem Namen „716 Ludwigsburg“ zu Gewalttaten und Raub verabredet haben.

13. Mai: Eine Gruppe Jugendlicher von 14 bis 24 Jahren, darunter ein Mädchen, gerät am Bahnhof in Streit, der in eine Schlägerei mit Pfefferspray ausartet.

4. Juni: In der Innenstadt kommt es am Freitag gegen 21 Uhr nach einem Streit vor einem Imbiss am Arsenalplatz zur Schlägerei zweier Gruppen mit Reizgaspistole und Messer. Ein 32-Jähriger wird mit dem Messer schwer, ein 24-Jähriger leicht verletzt, ein Auto wird beschädigt. Eine Woche später wird ein 16-Jähriger von der Ermittlungsgruppe „Arsenal“ verhaftet, Beweismittel beschlagnahmt. Mehrere Objekte in den Landkreisen Ludwigsburg und Esslingen werden durchsucht. Im Fokus: vier junge Männer im Alter von 16, 16, 17 und 19 Jahren.

12. Juni: Nach Mitternacht gehen zwei Gruppen von Männern aufeinander los, dabei werden ein 23- und ein 33-Jähriger mit Pfefferspray leicht verletzt. Die Tatverdächtigen flüchten.

26. Juni: An der Sternkreuzung eskaliert am Samstag kurz nach Mitternacht ein Streit junger Männer. Bereits am Freitag gegen 23.30 Uhr hatte sich eine Gruppe von etwa 15 jungen Männern von der Schorndorfer Straße zum Arsenalplatz aufgemacht. Die Polizei reagiert mit umfangreichen Personenkontrollen in der Innenstadt, wo alles friedlich blieb. Um 0.20 Uhr wird der Rettungsdienst dann zur Sternkreuzung gerufen, vier Männer mit Migrationshintergrund sind durch Messer schwer verletzt. Auch ein Hubschrauber ist am Großeinsatz beteiligt. Die Hintergründe sind weiter unklar, wie die Polizei auf Anfrage bestätigt: „Die Geschädigten machen keine oder keine ermittlungsrelevanten Angaben.“

30. Juni: 50 Personen solidarisieren sich um 17.30 Uhr am Bahnhof mit einem 24-Jährigen arabischer Herkunft, der nach einer Körperverletzung selbst die Polizei ruft und bewusstlos wird. Hintergrund soll ein Streit im Drogenmilieu gewesen sein. Erst mit Streife samt Hund lassen sich die Umstehenden beruhigen. Laut Polizei handelt es sich „ vorwiegend um Passanten aus dem Bahnhofsmilieu“.

1. Juli: Die Ermittlungsgruppe „Central“ verbucht mit Razzien und Festnahmen Erfolge im Kampf gegen eine Gruppe von Jugendlichen (siehe 12. April). Laut Polizeisprecher waren sie aufgrund ihres jungen Alters aber nicht involviert in Fälle wie etwa an der Sternkreuzung. 50 Ermittlungsverfahren laufen.

3. Juli: Ein 16-Jähriger verletzt einen 28-Jährigen auf dem Gelände der PH an der Reuteallee mit Stichen mit einem Schraubendreher. Vorausgegangen war ein Streit zweier Gruppen mit Alkohol.

4. Juli: Nach einem Streit in einer nahen Gaststätte zwischen vier Männern um einen 25-Jährigen sowie einem 32-Jährigen wird dieser um 3 Uhr am Bahnsteig 1 attackiert und am Boden liegend getreten und trägt ein Schädel-Hirn-Trauma davon. Der 25-Jährige wird festgenommen, die anderen flüchten.

6. Juli: Nach einem Streit vor dem Bahnhof gegen 15 Uhr am Dienstag setzt sich die Auseinandersetzung eines 37-Jährigen mit einem 57-Jährigen in der Myliusstraße fort. Dort zieht der Ältere ein Messer und sticht dem Kontrahenten, der ihm gefolgt ist, ins Bein. Beide werden ins Krankenhaus gebracht, der 37-Jährige kehrt gegen 18.30 Uhr zum Bahnhof zurück. Dort übergießt er sich mit Benzin und droht, sich anzuzünden. Die Polizei kann eingreifen. Der 37-Jährige wird anschließend in eine psychiatrische Einrichtung gebracht.

8. Juli: Sieben Männer treffen mehrere Polizeistreifen auf dem Akademiehof an, die gegen 0.45 Uhr gerufen worden sind. Drei von ihnen haben sich gegenseitig geschlagen. Dabei werden alle drei, zwei mit 25 Jahren und einer mit 37 Jahren, leicht verletzt. Zwei werden später im Krankenhaus behandelt. Eingesetzt dafür wird auch ein Fahrrad, das auch herumgeworfen wird. Wie die Polizei nachher feststellt, war das Rad zuvor in Stuttgart gestohlen worden und wird nun seinem Eigentümer zurückgegeben.

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